Sport : Kaputt quatschen verboten

Der FC Bayern stellt seine Saison trotz der herben Enttäuschung im Uefa-Cup nicht infrage

Michael Neudecker[München]

Früher, als Franz Beckenbauer noch Vorstandsvorsitzender des FC Bayern war und nach Europapokalspielen die berühmte Bankettrede gegen Mitternacht hielt, da wäre diese Nacht von Donnerstag auf Freitag vermutlich eine legendäre geworden. Beckenbauer hat ja schon öfter legendäre Reden gehalten bei dieser Gelegenheit, zum Beispiel 2001, nach einem 0:3 gegen Olympique Lyon, als Beckenbauer den Begriff „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft“ erfand und seinen Spielern nahelegte, den Beruf zu wechseln. Doch Beckenbauer ist längst nicht mehr involviert in das Tagesgeschäft der Bayern. Karl-Heinz Rummenigge hat ihn an der Spitze des Vereins abgelöst, was schade ist, zumindest in Anbetracht jener Mitternachtsauftritte.

Am Donnerstag, als Rummenigge nach diesem beschämenden 0:4 im Halbfinal-Rückspiel des Uefa-Cups bei Zenit St. Petersburg im Wintersaal des Hotels Astoria zum Mikrofon griff, da war er moderat, ruhig. „Wir sollten nicht den Fehler machen, Grundsätzliches infrage zu stellen, nicht eine Klassesaison der Mannschaft kritisieren“, sagte er. Zuvor schon hatte er in die Fernsehkameras gesagt, dass die Bayern „seit Monaten jede Woche drei Spiele“ bestritten hätten und deshalb müde seien. Rummenigges Sichtweise war erstaunlich: Nach einem Spiel, das vorher vom Verein als wichtigstes des Jahres, ach was, des Jahrzehnts stilisiert worden war und in dem die Mannschaft zu Recht so hoch verlor wie im Europapokal seit fast 17 Jahren nicht mehr (2:6 gegen Kopenhagen, 1991) – nach so einem Spiel lapidar festzustellen, die Spieler seien müde gewesen, das ist wie eine Bankrotterklärung an die Mannschaft und an den Trainerstab. Dass die Bayern seit Monaten drei Spiele in der Woche bestreiten würden, das ist ohnehin eine merkwürdige Sicht der Wahrheit.

Doch Rummenigge war längst nicht der Einzige in der Münchner Delegation mit dieser Sichtweise. „Ach, hören Sie mir doch auf mit dem national und international“, sagte Manager Uli Hoeneß, „das lasse ich mir nicht einreden, dass wir international keine Rolle spielen. Unsere Mannschaft ist müde – basta.“ Und dann fügte er noch einen wirklich bemerkenswerten Satz hinzu: „Ich bleibe dabei: Wir gehören zu den besten acht Mannschaften Europas.“ Er müsse der Mannschaft außerdem „ein riesiges Kompliment“ machen für diese Saison.

Es war eine fast schon surreale Stimmung, die in jener Nacht beim Bankett der Bayern herrschte. Oliver Kahn etwa regte gut gelaunt einen Besuch in St. Petersburg an, „eine wirklich schöne Stadt“. Gerade Kahn war bislang stets einer gewesen, der Misserfolg nicht schönte, und nach diesem seinem 142. und letzten Europapokalspiel hätte man erwartet, dass Kahn nach einer derart desolaten Vorstellung seiner Mitspieler geradezu explodieren würde. Kahn aber sagte: „Wir lassen uns eine gute Saison nicht kaputt quatschen.“

Gewiss, zwei Titel, Meisterschaft und DFB-Pokal, sind ein großer Erfolg. Doch gerade in dem Moment, als es darauf ankam, als die Bayern beweisen wollten, dass sie eine wirklich große Mannschaft haben, die mehr kann als eine in dieser Saison schwache nationale Konkurrenz zu distanzieren – gerade in dem Moment haben sie vollständig versagt. Sie sind im Uefa-Cup, den sie noch vor wenigen Jahren belächelten, vom Russischen Meister vorgeführt worden. Einzig Philipp Lahm traf den Kern der Realität, als er anmerkte: „Wir haben das Finale verpasst, deswegen können wir uns auch nicht zu den Topmannschaften Europas zählen.“ Genau das aber würden die Bayern allzu gern, nein: Es ist der Anspruch, mit dem sie in München in den Tag gehen.

Es wartet viel, viel Arbeit auf Jürgen Klinsmann.

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