Karate : Kämpferin für Verständigung

Die Deutschtürkin Ebru Shikh Ahmad setzte sich im Karate durch - nun engagiert sie sich für Integration.

Annette Kögel
Ahmad
Voller Einsatz. Ebru Shikh Ahmad gibt nicht nur im Karatesport alles. -Foto: Schreyer

Berlin - So etwas hatte der Kampfrichter in seiner langen Karriere noch nie erlebt. Da stampfte diese drahtige junge Frau mit dem Fuß auf und rief: „Nun kämpfe mal richtig, los, was machst du denn da?!“ Die das sagte, heißt Ebru Shikh Ahmad, und die, gegen die sie antrat, war eine ihrer besten Freundinnen, die sie offensichtlich schonen wollte. Dann ging der Karate-Kampf aber doch richtig los. Ebru Shikh Ahmad gewann. Die 32-jährige Deutsche mit türkischstämmigen Eltern ist wahrlich eine Kämpferin, eine Vorkämpferin für Integration zugleich. Und wohl eine der wenigen Leistungssportlerinnen dieses Landes, die mal für die deutsche und mal für die türkische Nationalmannschaft Siege errungen hat.

Zu Hause ist die schlanke hochgewachsene Frau, deren Eltern einst aus Istanbul nach Deutschland kamen, in Bayern. In Hemhofen, genauer gesagt, das liegt in Mittelfranken. Dort beging die Muslimin gerade das Opferfest, und jetzt wird Weihnachten gefeiert. Zusammen mit ihrem Mann und Geschäftspartner der gemeinsamen Karateschule, dem isrealisch-stämmigen Palästinenser Ismael. „Ich glaube, dass Gott Menschen welchen Glaubens auch immer die Hoffnung und Kraft gibt, das Leben zu meistern“, sagt Shikh Ahmad. Sie versucht immer, alles positiv zu sehen, auch, wenn es mal nicht so läuft, wie man es sich wünscht.

Das war im Leben der mehrfachen Deutschen Meisterin und Europameisterin – die gerade wegen ihres Kindes pausiert, aber überlegt, im nächsten Jahr wieder auf der Matte anzugreifen – durchaus schon der Fall. Denn eigentlich wollte die junge Ebru, geborene Tüfenk, Schwimmerin werden. Als Kind besuchte sie sieben Jahre die Koranschule, trug da auch Kopftuch. Doch als sie 14 Jahre wurde, ließ der Vater seine Ebru nicht mehr in diesem engen Badeanzug ins Wasser. „Ein Jahr noch bin ich heimlich zum Training und zu Wettkämpfen gegangen, dann habe ich diese Heimlichkeiten nicht mehr ausgehalten.“

Zum Glück nahm sie eine türkische Freundin mal mit zum Karatetraining. Ebru war begeistert. Der Vater auch, denn schließlich ist die Karatekleidung locker geschnitten – und Arme und Beine bedeckt. Ebru startete neu durch. Drei-, viermal die Woche ging sie zum Training. „Und dann habe ich noch zu Hause in meinem Zimmer heimlich trainiert. Wenn es dunkel war, konnte ich meine Haltung in der Scheibe gut kontrollieren, die hat ja gespiegelt.“ Später hat der Vater dann sogar heimlich mit ihr vor der deutschen Meisterschaft im Keller der Moschee geübt. Jetzt forderte ihr Vater sie auf: „Mädchen, schlag richtig zu mit der Handkante!“ Das tat sie nach einigem Zögern – und brach ihm versehentlich die Rippe. Zwei Jahre, nachdem Ebru Tüfenk zum ersten Mal in einer Karate-Halle stand, wurde sie Deutsche Karatemeisterin, das war 1994.

Sport, Schule, Sport, Schule. Nach dem Training kam das Fachabitur und danach die Ausbildung. Ihrem künftigen Mann Ismael begegnete sie das erste Mal im Januar 1996, beim Wettkampf in Italien. „Er hat nach zehn Minuten zu mir gesagt: Dich heirate ich.“ Sie antwortete: „Ohne mein Diplom mache ich gar nichts.“ Ebru gab alles für die Arbeit und für den Sport. Sowohl vom türkischen als auch vom deutschen Bundestrainer wurde sie erfolgreich umworben. Selbst Knieverletzungen stoppten sie nicht.

Derzeit unterrichtet sie an ihrer Karate-Schule, hat gerade ihren dritten schwarzen Gürtel geholt. Sie will wieder auf die Matte, das spürt man. Doch sie setzt sich auch anderswo ein – als Integrationsbotschafterin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). So gibt sie bundesweit Trainern und Betreuern als Expertin auf Seminaren Tipps, wie es gelingen kann, Mädchen mit Migrationshintergrund besser in Sportvereine zu integrieren. Da gibt es Trainer, die sagen: Eines meiner größten Talente darf nicht mehr zum Fußballtraining kommen. Ja, hast du denn mal in all den Jahren die Eltern zum Zugucken eingeladen, fragt sie dann, oder hast du bei ihnen geklingelt und höflich um ein Gespräch gebeten? Nein, kommt die Antwort allzu oft. „Wir müssen einfach mehr aufeinander zugehen und toleranter werden“, sagt die Karatekämpferin und lächelt fein.

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