Karl-Heinz Feldkamp : „Der Papst ist auch schon 80“

Trainer Karl-Heinz Feldkamp über seine Rückkehr mit 73 Jahren zu Galatasaray Istanbul und den möglichen EU-Beitritt der Türkei.

Oliver Trust
Feldkamp
Alter Recke: Karl-Heinz FeldkampFoto: ddp

Herr Feldkamp, Sie könnten als erfolgreicher Trainer Ihren Ruhestand genießen, wagen sich aber mit 73 zu Galatasaray Istanbul als Nachfolger von Erik Gerets…

Sepp Blatter ist mit 71 für vier Jahre bei der Fifa gewählt worden, der Papst ist auch schon 80. Es ist doch eine herrliche Aufgabe, mit Galatasaray den neuen Weg zu gehen. Viele Vertrauenspersonen haben mir bestätigt, dass ich absolut fit bin.

Was ist denn unter dem von Ihnen propagierten „neuen Weg“ zu verstehen?

Das heißt im Telegrammstil: neues Stadion, neue Werbepartner, neues wirtschaftliches Konzept, das finanzierbare Investitionen vorsieht und den eigenen Nachwuchs stark einbezieht.

Und Sie müssen nicht Meister werden?

Natürlich, das ist für Galatasaray selbstverständlich. Das aber sagen auch Fenerbahce, Besiktas und Trabzon. Das Konzept steht und fällt mit unserem sportlichen Erfolg. Galatasaray will Meister werden, ob ich jetzt eine A-Jugend aufstelle oder ob ich zehn Neue einbaue.

Nicht alle waren bei Galatasaray begeistert über Ihre Verpflichtung.

Wenn drei oder vier von 15 Vorstandsmitgliedern dagegen sind, finde ich das nicht dramatisch. In einem solch gigantisch großen Verein hätte kommen können, wer wollte, es hätte immer Druck für den Präsidenten gegeben. Außerdem schätze ich Offenheit.

Nun wird immer wieder über Turbulenzen im türkischen Fußball berichtet. Die Zuschauer sind kaum zu bändigen und auf dem Rasen soll es nicht immer mit rechten Dingen zugehen.

Letzteres war in den vergangenen Monaten in der italienischen Liga der Fall. In der Türkei vermisse ich aber tatsächlich die Fanarbeit der Vereine. Da gibt es keine Fanbetreuer, da fehlen Leute, die Fanprojekte planen und anbieten, die von Vereinen und dem türkischen Fußballverband mitgetragen werden. Dass zum Beispiel Fans von Fenerbahce bei Besiktas nicht rein durften und umgekehrt, ist eine unannehmbare Ausgrenzung, die nur noch mehr Gewalt provoziert.

Auch politisch wirkt die Türkei nicht gerade stabil.

Das war sie auch von 1992 bis 1994 nicht, als ich das erste Mal bei Galatasaray gearbeitet habe. Aber es gibt so viele positive Dinge in der Türkei, dass nichts dagegen spricht, dort zu leben und zu arbeiten.

Wie erleben Sie die Türkei mit den unterschiedlichen europäischen und orientalischen Einflüssen?

Wenn Sie die Diskussionen um den EU-Beitritt meinen, kann ich Ihnen sagen, dass auch die Türken intensiv diskutieren. Ich spüre noch große Distanzen. Mit dem üblichen Korsett, das die EU einem Staat auferlegt, wird es schwer sein, dieses riesige Land einzubinden. Bemerkenswert sind die offenen Diskussionen in der Türkei über Dinge, die geändert werden müssen.

Es ist ungewöhnlich, dass sich ein deutscher Fußball-Trainer zu politischen Dingen wie etwa dem EU-Beitritt äußert...

Vorerst konzentriere ich mich darauf, den beruflichen Einstieg positiv zu gestalten. Wenn mir das gelingt, bekomme ich auch wieder gesellschaftlich mehr Informationen und kann Einfluss nehmen.

Sie sehen sich als Mittler zwischen den Ländern und Kulturen?

Ich hatte von 1992 bis 1994 immer engen Kontakt zur deutschen Botschaft, in die Zeit fielen die Anschläge in Mölln und Solingen…

…bei denen im November 1992 und Mai 1993 acht Frauen türkischer Herkunft starben…

Ich habe vom damaligen Botschafter gehört, dass die Solidarität, die wir in dieser Zeit als Familie Feldkamp in den Medien der Türkei öffentlich gezeigt haben, sehr viele mehr erreicht hat als jedes politische Wort.

Mit welchen Problemen werden Sie denn im Alltag in der Türkei konfrontiert?

Wir Westeuropäer haben dies ultimative Vertrauen, Zeitpläne einzuhalten. Abgesprochene Geschäftsbedingungen werden eingehalten. In der Türkei gibt es das auch, nur ist die zeitliche Erfüllung eine andere. Und, die Türkei ist nicht nur Istanbul. Wenn ich mir vorstelle, dass wir an der syrischen oder irakischen Grenze plötzlich mit EU-Vorschriften kommen, beneide ich Politiker nicht, die in diesem Sinne etwas Positives für ihr Land erreichen wollen.

Welche Regeln gelten denn für Sie und Ihre Frau?

Wir erleben Istanbul wie jede andere Großstadt, hier mit dem interessanten orientalischen Beigeschmack.

Wie sieht die sportliche Perspektive der Türkei aus?

Wenn sie es nicht zur EM 2008 schafft, dann ist die Türkei sportlich in Europa und bei der Fifa nur Mittelmaß. Die Medien üben einen zu großen Einfluss aus. Schon in den Vereinen braucht es einen starken Trainer, der nach sportlichen Gesichtspunkten aufstellt. Ein Beispiel: Halil Altintop war damals in Kaiserslautern Torschützenkönig, der traf den Ball blind und saß im Nationalteam doch nur auf der Bank.

Zur Vorbereitung auf die neue Saison werden Sie nach Deutschland kommen?

In Düsseldorf sitzt Galatasaray Europa, die vermarkten den Verein international. Wir spielen in Zürich ein Turnier mit Dortmund und Anderlecht, dann gegen Bochum und Köln und vielleicht in der LTU-Arena. Die wollen wir sehen, weil der Verein ein ähnliches Projekt anstrebt, denn Galatasaray ist der einzige Verein in Istanbul, der kein neues Stadion hat. Am 10. August beginnt die Saison und am 15. steht die Qualifikation für den Uefa-Cup auf dem Programm.

In der Türkei hat man sie einst den „grauen Fuchs“ genannt…

Wenn am Ende der kommenden Saison der Satz steht: „Der graue Fuchs hat wieder zugeschlagen“, bin ich zufrieden.

Das Gespräch führte Oliver Trust

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