Sport : Karneval der Autoverkäufer

Malte Lehming

Das wird Patriotismus pur. Auf dem Bildschirm, der über der Stadiontribüne hängt, ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eingeblendet. Ehemalige Football-Stars verlesen vor dem Anpfiff Auszüge aus der Verfassung. Per Video wird übertragen, wie vier ehemalige Präsidenten erbauliche Sätze von Abraham Lincoln vortragen. Auf einem gigantischen Banner steht "United We Stand". Tausende von US-Flaggen werden geschwenkt. Mariah Carey singt die Nationalhymne - "The Star-Spangled Banner". Willkommen beim 36. Superbowl, dem Endspiel um die amerikanische Football-Meisterschaft 2002!

In diesem Jahr findet das Spektakel in New Orleans statt. Es ist das erste große Sportfest in den USA seit dem 11. September. Das weckt besondere Bedürfnisse. Neben Maria Carey haben sich folglich auch andere Stars aus der Musikbranche geradezu aufgedrängt, um die Nation mit ihren Darbietungen seelisch stärken zu dürfen. Paul McCartney wird sein von den Terroranschlägen inspiriertes Lied "Freedom" singen, Barry Manilow ist mit "Let Freedom Ring" dabei, Blige und Anthony stimmen "America the Beautiful" an.

Der Fernsehsender Fox, der das Finale der National Football League (NFL) zwischen den St. Louis Rams und den New England Patriots überträgt, wird während des Spiels gelegentlich live zu den US-Truppen in Afghanistan schalten. Auch die Feuerwehrmänner und Polizisten von New York sollen einbezogen werden. Spätestens seit 1993 ist der Superbowl mehr als eine Sportveranstaltung. Damals trat in der Halbzeit Michael Jackson auf und sorgte für einen Einschaltrekord. Seitdem gilt das Football-Finale unter Show-Größen als prima Präsentationsgelegenheit. Für die NFL-Rechte hat Fox in dieser Saison 2,5 Milliarden Dollar gezahlt.

Wieder wird der Superbowl das wichtigste Medienereignis des Jahres. Die Veranstalter rechnen mit 130 Millionen amerikanischen Zuschauern und 800 Millionen weltweit. Wegen der Ereignisse am 11. September sei das diesjährige Football-Finale bewusst auf die Befindlichkeit der Nation zugeschnitten worden, heißt es unumwunden. Damit dürfte der Superbowl von New Orleans einen Vorgeschmack geben auf das, was die Welt fünf Tage später in Salt Lake City bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele zu erwarten hat. Die werden schon jetzt hoffnungsvoll die "healing games" genannt, die heilenden Spiele. Diesmal geht es um mehr als das Dabeisein.

Der Patriotismus ist der eine, die Sicherheit der andere Faktor, der den Superbowl diesmal prägt. US-Präsident George W. Bush hat das Ereignis im Oktober zum "National Special Security Event" erklärt. Es wird geschützt wie sonst nur Generalversammlungen der Vereinten Nationen. Mehr als 4000 Mitarbeiter des Geheimdienstes, der Nationalgarde und des Militärs sind im Einsatz, der Luftraum über New Orleans ist gesperrt, Militärmaschinen überwachen das Verbot. Zur Einstimmung haben sich die Sicherheitsagenten den Film "Black Sunday" von 1977 angeschaut. Darin geht es exakt um das, was auf keinen Fall passieren darf - einen Terrorangriff auf den Superbowl.

Damit dieser Fall nicht eintritt, wurde rund um den Louisiana Superdome ein 2 Meter 65 hoher Zaun errichtet. Straßensperren aus Beton sollen verhindern, dass Fahrzeuge in die Nähe des Stadions gelangen. Nicht einmal die sonst üblichen Luxus-Limousinen dürfen vorfahren. Selbst NFL-Chef Paul Tagliabue muss zu Fuß gehen. Auf dem Dach des Superdomes sind Scharfschützen postiert. Alle Zuschauer werden durch Metalldetektoren geschleust und penibel kontrolliert. Lange Schlangen sind unvermeidlich. Wer den Anpfiff erleben will, dem wird empfohlen, fünf Stunden vorher am Stadion zu sein.

Und als wäre die Planung für die Organisatoren nicht schon kompliziert genug, fällt der Superbowl in diesem Jahr ausgerechnet in die Karnevalszeit, den traditionellen Mardi Gras. Der wird seit 145 Jahren in ganz New Orleans zwölf Tage lang mit Paraden und ausschweifenden Partys gefeiert. Im Durchschnitt kommen dafür drei Millionen Besucher in die Stadt. Das Terminchaos geht freilich ebenfalls - wie der Patriotismus und die extreme Sicherheit - auf das Konto von Osama bin Laden. Ursprünglich war das Finale für den 27. Januar vorgesehen. Durch die Anschläge waren eine Woche lang sämtliche Spiele der NFL ausgefallen. Der Superbowl musste verschoben werden.

Aber ausgerechnet auf den 3. Februar? Abgesehen vom Karneval tat sich plötzlich ein weiteres Problem auf. Denn für dieses Datum war New Orleans eigentlich schon an die Vereinigung der amerikanischen Autoverkäufer vergeben. Die hatten für ihr Jahrestreffen die gesamte Infrastruktur der Stadt fest gebucht, inklusive Kongresszentrum und Hotels. In eine andere Stadt ausweichen, das wollten die NFL-Oberen freilich nicht. Also wurde gezahlt, und zwar nicht knapp: Die Vereinigung der Autoverkäufer kassierte für ihren Verzicht rund sechs Millionen Dollar, plus wertvolle Werbezeiten während des Spiels. Die Karnevalsumzüge wurden ausgesetzt, die Veranstalter ebenfalls entschädigt. Der Superbowl hat Vorrang. Grundsätzlich. Wahrscheinlich würde seinetwegen sogar der Präsident seine Rede an die Nation verschieben.

Wenn nun heute Abend alles klappt und sicher über die Bühne geht, wird man den Organisatoren jedenfalls eine logistische Meisterleistung attestieren. Die Fernsehzuschauer werden unterdessen 26 Millionen Avokados mit mehreren hundert Millionen Tortilla-Chips verspeisen. Die Avokado-Menge entspricht einer Guacamole-Masse, die als dicker Brei von einer Endzone des Spielfeldes zur anderen reichen würde. Zusätzlich werden die Amerikaner 16 Millionen Kilogramm Snacks essen. So ist das eben beim Superbowl.

Vom Bier ganz zu schweigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar