Sport : Kasparow beweist seine Ausnahmestellung

Martin Breutigam

Wenn nur Nuancen über Sieg und Niederlage entscheiden, kann der Ruf des Unbesiegbaren durchaus hilfreich sein. Im Zusammenhang mit dem weltbesten Schachspieler, Garry Kasparow, ist immer wieder von einer übermächtigen Aura die Rede, auch zurzeit beim Corus-Schachturnier im niederländischen Wijk aan Zee.

Obwohl der Russe in fünf von bislang acht gespielten Runden den Nachteil der schwarzen Steine in Kauf nehmen musste, hält der Vorjahressieger mit 5,5 Punkten die Tabellenführung, gemeinsam mit seinem Landsmann Wladimir Kramnik. Dabei befand sich der König Kasparows bereits in drei Partien in bedrohlicher Situation. Der 36-Jährige konnte sich aber gegen die Großmeister Piket, Adams und Short jeweils doch noch ins Remis retten.

"Das waren wirklich große Chancen", sagt der Ungar Peter Leko, der nur einen halben Punkt weniger aufweist als Kasparow. "Es ist nicht einfach gegen ihn zu spielen, man glaubt gar nicht so richtig an seine Siegchance." Und schließlich könne niemand gewinnen, wenn man nicht an den Sieg glaube. Diese Erkenntnis hat Leko verinnerlicht. Was wie eine sportpsychologische Weisheit klingt, gilt womöglich für die sensiblen Denksportler in besonderer Weise.

Doch zuweilen geht die Ehrfurcht vor Kasparow schon so weit, dass man ihm allein das Denken überlässt. Als der Champion in der siebten Runde dem Inder Viswanathan Anand gegenübersaß, kopierten die Großmeister Loek van Wely und Nigel Short am Nachbartisch exakt die gleiche Partie. Erst im 21. Zug beendete Short die groteske Situation und machte einen eigenständigen Zug. Es war allerdings, wie sich bald herausstellte, genau der richtige Zeitpunkt. Denn Anand konnte Kasparow am Ende nur mit großer Mühe ein Remis abnehmen. Außerdem, so Short, habe er keine Lust gehabt, an zwei Tagen nacheinander gegen Kasparows Ideen zu spielen: In der Runde zuvor hatte der Engländer die Nummer eins der Welt mit einem überraschenden Bauernopfer in Schwierigkeiten gebracht. "Mit meinem Opfer verband ich eigentlich keine konkrete Idee", gestand Short halb im Scherz während der nachträglichen Analyse mit Kasparow. "Ich war mir aber sicher, dass du einen tieferen Sinn entdecken würdest, und das gab mir Selbstvertrauen."

Kasparow, Anand, Kramnik - die ersten drei der Weltrangliste haben bislang in Wijk aan Zee ihre Ausnahmestellung bestätigt. Experten trauen lediglich dem jungen Leko zu, in diese Phalanx einzudringen. Nicht erst seit dem überraschend deutlichen 4,5:1,5-Erfolg gegen Fide-Weltmeister Alexander Chalifman ist Leko selbst davon überzeugt, ganz nach oben zu kommen. "Da bin ich mir sogar hundertprozentig sicher", sagt er, ohne dass es überheblich klingt. Schon im vergangenen Sommer hatte er das Turnier in Dortmund gewonnen.

Überhaupt besteht für ihn zum Westen der Republik ein besonderer Bezug: Lekos Sponsor und sein Berater kommen aus Dortmund, die Freundin ebenso. Neuerdings hat er sich auch die Dienste von Deutschlands Nummer eins, Artur Jussupow, als Trainingspartner gesichert. "Ich habe noch relativ wenig Erfahrung, aber ich bin erst 20 Jahre alt und da waren die anderen noch nicht soweit wie ich jetzt bin", sagt Leko. Er glaubt also an sich. Am Freitag, wenn es gegen Kasparow geht, wird man sehen, ob es etwas nützt.

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