Kasparow gegen Karpow : Matt dem schutzlosen König

Schach-Show in Valencia: Garry Kasparow glänzt gegen Anatoli Karpow und bestreitet Comeback-Pläne - hier Spielbericht und Notation zum Nachspielen.

Martin Breutigam
301343_0_bb37188b.jpg
Routiniers am Brett. Karpow, Kasparow.Foto: pixathlon

Wie aus dem Nichts erschien der weiße Springer auf dem Feld f6. Mensch, Garry Kimowitsch Kasparow, welch zauberhaftes Opfer! Als hätte er die Schachwelt nie verlassen, zeugt das Spiel des 46-Jährigen immer noch von großer Kraft. Selbiges lässt sich von Kasparows früherem Erzrivalen Anatoli Karpow, 58, nicht behaupten. 25 Jahre nach ihrem ersten von fünf erbitterten Duellen um die WM saßen sich die ergrauten Russen nun in Valencia wieder gegenüber. Und Kasparow gewann den ersten Teil dieses Showkampfs souverän mit 3:1 Punkten. Sie spielten nicht über die lange, klassische Distanz, sondern Schnellschach; jeder bekam 25 Bedenkminuten pro Partie, plus fünf Sekunden pro gespieltem Zug.

Hinterher zeigte Kasparow sich überrascht, wie leicht ihm alles von der Hand gegangen sei, vier Jahre nach dem offiziellen Ende seiner Karriere. Besonders die vorentscheidende zweite Partie, in der er mit besagtem Opferzauber Karpows Bauernkette aufriss, um dessen schutzlosen König in ein Mattnetz zu treiben. Karpow überschritt schon vorher die Bedenkzeit. „Wenn man so zertrümmert wird, ist es normal, dass man die Zeit überschreitet“, sagte Kasparow. Nicht allein wegen der Begeisterung, mit der er seine Partien kommentierte, drängte sich der Eindruck auf, Kasparow könnte insgeheim ein Proficomeback im Sinn haben. „Nein, ich habe nicht die Absicht zurückzukommen, ich wollte bloß herausfinden, ob ich noch imstande bin, eine anständige Schachpartie zu spielen.“ Wie auch immer, er war ohnehin nie ganz weg aus der Schachwelt. Er hat die großen Turniere verfolgt, auch die Entwicklungen der Eröffnungstheorie, und abends zockt er oft im Internet Blitzschach. Unter Pseudonym. Zuletzt hat Kasparow wieder intensiv gearbeitet: als Trainer des 18-jährigen Norwegers Magnus Carlsen, der bald zur Nummer 1 der Weltrangliste aufsteigen soll.

Sein mutiges politisches Engagement in Russland scheint Kasparow indes gedrosselt zu haben, seit er im November 2007 bei einer Demonstration verhaftet worden war und fünf Tage in der Petrowka 38, einem Moskauer Gefängnis, einsitzen musste. Dass ihn damals ausgerechnet Karpow besuchen wollte, sei für ihn der rührende Wendepunkt in der persönlichen Beziehung zu Karpow gewesen, hat Kasparow in Valencia betont. Zwar wurde Karpow der Zutritt zur Zelle verweigert, aber er hinterließ eine symbolisch gemeinte Lektüre: eine Schachzeitschrift. Vor diesem Tag waren sich beide in respektvoller Abneigung begegnet.

Zwischen 1984 und 1990 spielten sie allein 144 WM-Partien. „Unsere Wettkämpfe legten das Fundament für das moderne Schach“, sagt Kasparow. Heute sei das Spiel viel dynamischer, es koste die Spieler mehr Energie. Nach Kasparows Worten gibt es heute überall „mehr Technik, mehr Kraft, mehr Geschwindigkeit, aber weniger persönlichen Glamour“.

Kasparow – Karpow (2. Partie, Valencia). 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.cxd5 exd5 5.Lf4 c6 6.Dc2 Ld6 7.Lxd6 Dxd6 8.e3 Se7 9.Ld3 Sd7 10.Sge2 h6 11.0–0 0–0 12.a3 a5 13.Tad1 b6 14.e4 dxe4 15.Sxe4 Db8 16.S2c3 La6 17.Lxa6 Txa6 18.d5 Sxd5 19.Sxd5 cxd5 20.Txd5 Ta7 21.Dd2 Sc5 22.Sf6+ gxf6 23.Dxh6 f5 24.Dg5+ Kh8 25.Df6+ Kg8 26.Txf5 Se4 27.Dh4 Te8 28.Th5 f5 1:0.

0 Kommentare

Neuester Kommentar