Sport : Katarer aus Kenia

Warum keiner den Zürich-Sieger Saif Saeed Shaheen kennt

Ernst Podeswa

Zürich. Das hat es in der Geschichte des Sportfestes im Züricher Letzigrund, das am Freitagabend sein 75-jähriges Bestehen feierte, noch nie gegeben: Ein Mann, der in keiner Statistik verzeichnet war, auch nicht im Programmheft, ein derart Unbekannter schlägt die Weltelite und siegt über 3000 m Hindernis in der neuen Jahresweltbestzeit von 8:02,48 Minuten. Nur eine Hundertstelsekunde zurück folgte der erste Kenianer: Ezekiel Kemboi. Der neue Wunderläufer ist erst 20 Jahre alt, heißt Saif Saeed Shaheen und startet für das Öl-Emirat Katar.

Was nach einer sportlichen Sensation aussieht, weist bei näherem Hinschauen auf die zunehmende Nationalitätenänderung bei erfolgreichen Sportlern hin. Und auf den Streit einiger kenainischer Leichtathleten mit ihrem heimischen Verband. „Eine unglaubliche Geschichte - da müssen viele Dollars geflossen sein“, sagt der Leichtathletik-Manager Jos Hermens. Denn der Neu-Katarer hieß bis zum 9. August noch Stephen Cherono und startete für Kenia. Und war bis dahin Jahresweltbester über die 3000 m Hindernis und über 5000 m (12:48,81). Ein Supertalent, selbst für kenianische Verhältnisse.

Mit 16 Jahren gab Stephen Cherono als Jugendweltmeister sein Debüt beim Sportfest in Zürich. Im Vorjahr kam er im Letzigrund als Zweiter hinter dem Weltrekordler Boulami aus Marokko ins Ziel. Nach dessen Dopingsperre wurde er nachträglich als Sieger verzeichnet.

Er will Weltmeister werden

Den Weltrekord über 3000 m Hindernis hatte Cherono – oder wie er jetzt heißt, Saif Saeed Shaheen – schon im Vorjahr im Visier. Jetzt möchte er sich bei den am kommenden Wochenende beginnenden Weltmeisterschaften den ersten großen Titel holen. „Ich werde in Paris nur auf Sieg und nicht auf Zeit laufen“, sagte Cherono, „wenn ich das geschafft habe, verlasse ich die Hindernisstrecke und gehe auf die 1500-Meter-Distanz.“

Zu den Gerüchten über die finanziellen Hintergründe seiner Hinwendung zu Katar – eine Million Dollar sollen ihm für den Sieg bei der WM versprochen worden sein – sagte der junge Läufer. „Von einer WM-Prämie weiß ich nichts. Aber es stimmt, dass man mir bis ans Lebensende ein Gehalt von monatlich 1000 Dollar versprochen hat.“ Sein ehemaliger Teamkollege, der 800-m-Spezialist Joseph Mwengi Mutua, erklärte: „Er hatte wie andere Topathleten vor ihm Differenzen mit unserem Verband. Ich kann verstehen, dass Stephen diesen Schritt gemacht hat, und bin überzeugt, dass der Verband für seine kurzfristige Freigabe ganz viel Geld kassiert hat.“

Bei Wilson Kipketer war das anders. 1990 nach Dänemark ausgewandert, durfte er wegen des Vetos aus Kenia selbst 1996 noch nicht bei den Olympischen Spielen in Atlanta für seine neue Heimat starten. Damals war der spätere dreifache Weltmeister über 800 m praktisch unschlagbar. 2000 blieb ihm jedoch nur Silber hinter dem Überraschungssieger Nils Schumann. Auch bei anderen lief der Wechsel nicht so schnell ab wie bei dem Neu-Katarer Cherono. Die derzeit weltbeste Dreispringerin Yamile Aldama aus Kuba heiratete einen Schotten und ging auf die britische Insel. Doch der Ehemann wurde beim Koksdealen erwischt und sitzt nun hinter Gittern. Aldamas Scheidung läuft ebenso wie der Antrag auf die britische Staatsbürgerschaft und der von Kubas Föderation auf die übliche Zweijahressperre. Die WM kann sie nun am Fernseher verfolgen.

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