Sport : Katastrophe abgewendet

Die deutschen Handballer bezwingen Tschechien 28:23 und liegen in der EM-Qualifikation wieder auf Kurs.

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Im Anflug aufs Tor. Der Deutsche Dominik Klein (links) setzt sich gegen den Tschechen Ondrej Sulk durch. Foto: dpa Foto: dpa
Im Anflug aufs Tor. Der Deutsche Dominik Klein (links) setzt sich gegen den Tschechen Ondrej Sulk durch. Foto: dpaFoto: dpa

Silvio Heinevetter sprang in seinem Tor herum wie ein Flummi auf Ecstasy, der verletzte Kapitän Oliver Roggisch stürmte mit der Schlusssirene aufs Feld und Bundestrainer Martin Heuberger streckte die Faust gen Himmel. Um die Gemütslage der deutschen Handball-Elite einzuordnen, genügten gestern rudimentäre Kenntnisse auf dem Gebiet der Hobbypsychologie. Im Qualifikationsspiel gegen Tschechien war es ja auch um nicht weniger gegangen als die Chance, sich weiter aus eigener Kraft für das EM-Turnier im kommenden Jahr in Dänemark qualifizieren zu können. „Der Druck war enorm, das haben wir alle gespürt“, sagte Nationalspieler Sven-Sören Christophersen. Bei einer Niederlage hätte das deutsche Team nur noch theoretische Chancen auf die Qualifikation besessen. Eine EM ohne den größten Handballverband der Welt, zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Handball-Verbandes (DHB)? Vor 9500 Zuschauern in Halle/Westfalen wendete die Nationalmannschaft dieses Katastrophenszenario ab. Mit einem 28:23 (12:10)-Sieg über Tschechien nahm das Team von Bundestrainer Martin Heuberger nicht nur erfolgreich Revanche für die vier Tage zuvor erlittene Niederlage in Brünn, die mal wieder zu Grundsatzdebatten und einer Trainerdiskussion geführt hatte. Sie verschaffte sich auch eine gute Ausgangsposition für die beiden ausstehenden Spiele gegen Israel und Montenegro im Juni. „Jetzt ist es einfache Mathematik: zwei Siege und wir sind durch“, sagte Nationalkeeper Silvio Heinevetter. „Wir sind froh, dass wir jetzt erstmal ein bisschen Ruhe haben“, ergänzte Horst Bredemeier, Vizepräsident Leistungssport beim DHB, „zumindest hoffe ich das.“

Das deutsche Team begann hypernervös, leistete sich zahlreiche Ballverluste und führte sogar einen Anwurf falsch aus. Die Tschechen nutzten diese Schwächephase des Gegners und warfen in Person des ehemaligen Welthandballers Filip Jicha und des künftigen Berliner Rückraumschützen Pavel Horak schnell eine Vier-Tore-Führung heraus (5:1). Mit zunehmender Spielzeit steigerte sich Heubergers Team dann aber in jenem Bereich, in dem man Handballspiele gewinnt: der Defensive. Vor allem Patrick Wiencek, der den verletzten Kapitän und Abwehrchef Oliver Roggisch im Mittelblock vertrat, tat sich dabei hervor und war an zahlreichen Ballgewinnen beteiligt, die wiederum zu einfachen Gegenstoßtoren führten. Steffen Weinhold erzielte beim 7:6 die erste Führung. „Wir hatten einen denkbar schlechten Start“, sagte Heuberger, „aber dann haben wir eine gute Reaktion gezeigt.“

Einen Vorwurf mussten sich die Gastgeber allerdings gefallen lassen: Gegen bisweilen rustikal agierende Tschechen, die allein in der ersten Halbzeit fünf Zeitstrafen kassierten, spielten die Deutschen ihre Überzahlsituationen nicht konsequent aus. Trotzdem gelang es ihnen, zur Pause einen soliden Vorsprung herauszuwerfen (15:12). Vor allem der Berliner Sven-Sören Christophersen, der im Verein seit Wochen seiner Form hinterherläuft, warf in der Schlussphase des ersten Durchgangs wichtige Tore.

Acht Minuten nach dem Wiederanpfiff hatte die Stimmung in der Halle, die seit der Heim-WM 2007 den Ruf des zweiten Wohnzimmers genießt, schließlich ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Beim 20:14 griff Tschechiens Trainer Vladimir Haber schließlich zur Auszeit, um ein Debakel zu verhindern. Die Tordifferenz im Rückspiel war nämlich insofern relevant, als dass sie über den Ausgang des direkten Duells entscheidet, wenn beide Teams nach Abschluss der Qualifikationsgruppe die gleiche Punktzahl aufweisen sollten. „Deshalb war es enorm wichtig, dass wir mit mehr als zwei Toren Vorsprung gewonnen haben“, sagte Christophersen, der neben Heinevetter im Tor und Steffen Weinhold zu den besten Spielern zählte. „Vor vier Tagen in Tschechien hatten die wenigsten unserer Spieler Normalform“, ergänzte Christophersen, „das sah heute schon ganz anders aus.“ Sowohl auf dem Feld als auch auf der Anzeigetafel.

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