Sport : „Katastrophe, Psychoterror, Ohrfeige“

Heidlers Trainer empört über seine Athletin.

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Berlin - Auf der Tribüne saß der Trainer und war fassungslos. Er konnte nichts mehr tun, er hatte keinen Einfluss mehr auf das Debakel, das vor ihm im Ring abging, hinter dem Netz, wo die Hammerwerferinnen rotierten. Michael Deyhle sah im Ring eine Frau, die laut Statistik Weltrekordlerin und Europameisterin von 2010 ist. Aber diese Frau warf hier, bei der Leichtathletik-EM in Helsinki, wie ein Mädchen, das man aus Versehen zur falschen Disziplin eingeteilt hatte. „Sie macht Kindergartenfehler, das ist unvorstellbar bei ihrem Niveau, unterirdisch“, tobte Deyhle. „Sie erfindet den Hammerwurf neu.“

Betty Heidler hatte in der Qualifikation nach zwei ungültigen Versuchen lächerliche 65,06 Meter erreicht. Das war ungefähr so, als wäre Usain Bolt die 100 Meter in 18 Sekunden gerannt. Ihre Weltrekordmarke liegt 14 Meter weiter. Heidler weinte, dann presste sie den Satz raus: „Ich kann mich nur beim Publikum entschuldigen.“ Das Finale hatte sie selbstverständlich verpasst.

Unvorstellbar, unterirdisch, nette Analysen vier Wochen vor den Olympischen Spielen. Was bedeutet das also jetzt für London? „Es kann nur besser werden. Verunsichert bin ich jetzt nicht“, sagte die 28-Jährige.

Entwarnung? Sicher nicht. Betty Heidler hat schließlich eine sportliche Vorgeschichte, die lässt keine Entwarnung zu. Bei der WM-Qualifikation 2005 schied sie, ebenfalls in Helsinki, mit drei ungültigen Versuchen aus, bei den Olympischen Spielen 2008 schleuderte sie den Hammer nach zwei ungültigen Versuchen nur 70,06 Meter weit. Platz neun. Und bei der WM 2011 wollte sie unbedingt Gold, am Ende reichte es mit 76,06 Metern nur zu Silber. Die Begründung, durchaus bekannt: „Ich habe technisch nicht gut geworfen, es sind mehrere Fehler gewesen. Ich war oben zu schnell und unten zu langsam.“ Wie in Helsinki.

Die Technik, okay. Und die Nerven? Heidler winkte ab. Alles in Ordnung im mentalen Bereich. Schwer einzuschätzen, ob das stimmt. Ihren EM-Titel 2010 gewann sie vor 40 000 Zuschauern, da hatte sie auch Druck. Aber ihren Weltrekord, bei dem sie technisch fast optimal warf, verfolgten bei einem kleinen Sportfest nur eine Handvoll Zuschauer.

Auf jeden Fall verkündete Betty Heidler bei der EM, dass alles besser wird. „Ich habe mich zu viel auf die Technik konzentriert und zu wenig auf die Dynamik. Das mache ich bei Olympia anders.“ Für die Dynamik bei dieser Qualifikation sorgte ihr Trainer. Dem fielen zu Heidler noch einiges mehr ein: „Psychoterror, Katastrophe, Ohrfeige“. Frank Bachner

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