Katinka Hosszu : Die eiserne Lady des Schwimmbeckens

Die Ungarin Katinka Hosszu dominiert die Schwimmszene – und treibt ihr Eigenmarketing auf die Spitze. Auch beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin.

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Freundin großer Auftritte. Katinka Hosszu feiert sich und ihre Siege - allerdings nicht zu ausgiebig. Foto: Attila Kisbenedek/AFP
Freundin großer Auftritte. Katinka Hosszu feiert sich und ihre Siege - allerdings nicht zu ausgiebig.Foto: Attila Kisbenedek/AFP

Schrille, spitze Schreie hallen durch die Schwimm- und Sprunghalle an der Landsberger Allee. Sie klingen wie die bedrohlichen Schreie eines Adlers: „Aauh! Aauh!“ Und sie sind oft zu hören, besonders am Montag, dem Abschlusstag des Berliner Schwimm-Weltcups. Denn Katinka Hosszu trat in drei Wettbewerben an.

Die Schreie sind sehr spezielle Anfeuerungsrufe für die Ungarin, ausgestoßen am Beckenrand von ihrem US-amerikanischen Trainer und Ehemann Shane Tusup. Hosszu ist ein Superstar unter den Schwimmern. Die 28-Jährige gewann im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro drei Goldmedaillen und einmal Silber. Die mehrfache Weltmeisterin hat in ihrer Karriere bei internationalen Meisterschaften bereits mehr als 70 Medaillen geholt. Sie ist eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Das zeigte sie auch bei den Kurzbahnrennen in Berlin. Am Montagabend stellte sie über 100 Meter Lagen einen neuen Weltrekord auf (56,51 Sekunden), gewann nur zehn Minuten später über 200 Meter Rücken und siegte kurz danach auch noch über 100 Meter Schmetterling. Ausgiebig feiern wollte sie all das aber nicht. „Vielleicht gönne ich mir ein Stück Käsekuchen“, sagte Hosszu. Schon am Freitag beginnt in Eindhoven der nächste Weltcup.

Doch Hosszu fühlt sich nicht nur für ständige Bestleistungen verantwortlich. Gemeinsam mit Tusup bildet sie auch das Glamourpaar der Schwimmszene. Das zelebrierten sie gerade auch bei den Schwimm-Weltmeisterschaften Ende Juli in Budapest. Vor dem ekstatischen Publikum schwamm Hosszu zu zwei Goldmedaillen, einmal Silber und einmal Bronze – und Tusup flippte regelmäßig am Beckenrand aus.

Das Paar treibt den Personenkult extrem auf die Spitze. Hosszu hat sich einen Beinamen verpasst: „Iron Lady“, die eiserne Lady. Und den vermarktet sie vollends. Auf ihrer Internetseite gibt es einen Shop mit vielen Merchandising-Artikeln dazu. Neben Standardprodukten wie Mützen, T-Shirts und Schals können die Fans dort auch kleine Plüschfiguren von ihr und Tusup kaufen. Ihre Fans haben selbstverständlich auch einen eigenen Namen: „Iron Nation“.

Hosszu und Tusup sind innerhalb der Schwimmszene nicht unbedingt beliebt

Hosszu und Tusup denken immer groß. Das macht sie innerhalb der Schwimmszene nicht unbedingt zu dem beliebtesten Duo. Bundestrainer Henning Lambertz gefällt Hosszus Ansatz jedoch. „Sie polarisiert. Aber wir brauchen solche Typen, auf die die Leute gucken“, sagt er. Hosszus Auftreten ist für ihn ein Beweis, was in dieser Sportart alles möglich ist und wie viel Aufmerksamkeit man im Schwimmen erzeugen kann. Besonders in Zeiten, in denen die deutschen Schwimmer bei ausbleibenden Erfolgen immer stärker um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. „Wir haben eben leider keinen Athleten in so einer Ausnahmeposition wie Hosszu“, betont Lambertz.

Hosszu besitzt das außergewöhnliche Talent, überaus vielseitig zu sein. Sie beherrscht das Rückenschwimmen ebenso gut wie den Schmetterling- und Freistil. Und weil sie vieles so gut kann, verfolgen Tusup und sie die Methode „viel hilft viel“: Hosszu tritt so oft wie möglich an. Ihr Pensum ist immens. Sie kann es sich leisten, die vielen Wettkämpfe im Weltcup immer auch als Trainingseinheiten für die nächsten Rennen anzugehen. Die andauernden Starts in der lukrativen Serie, deren zweite von neun Stationen Berlin ist, machten sie auch 2014 zur ersten Preisgeld-Millionärin. Und sie verdient weiter viel Geld. Fünfmal nacheinander hat sie den Gesamtweltcup nun bereits gewonnen. Allein im vergangenen Jahr brachte ihr das 250 000 Dollar ein.

In der für sie so einträglichen Weltcupserie drohen ihr allerdings plötzlich Einbußen, obwohl sie weiter überragende Leistungen aneinanderreiht. Der Schwimm-Weltverband Fina hat die Starts pro Athlet im Weltcup auf vier Wettbewerbe begrenzt. Das kommt Hosszu gar nicht gelegen. Zuvor war sie immer in mindestens doppelt so vielen Rennen angetreten und hatte dort die Weltcuppunkte abgeräumt. Weil die Schwedin Sarah Sjöström außerdem beim ersten Weltcup in Moskau auch noch Zusatzpunkte für zwei Weltrekorde erhielt, ist Hosszu eine ernsthafte Konkurrentin um den großen Geldtopf erwachsen. „Ich fühle mich bestraft, dass ich nicht mehr bei all meinen Rennen antreten kann“, sagt sie. „Dass ich den Gesamtweltcup verliere, enttäuscht mich gar nicht. Aber ich habe ein Problem damit, dass mir meine Vielseitigkeit genommen wird.“

Auf diese aus ihrer Sicht deutliche Benachteiligung hatte Hosszu schon Anfang Juli auf die ihr typische Art reagiert: mit viel Getöse. Sie gründete eine Schwimmer-Gewerkschaft, die „Global Association of Professional Swimmers“. Hosszu fordert mehr Mitsprache für die Athleten bei der Fina. Mehr als 30 Athleten schlossen sich ihr bisher an, und der Weltverband sicherte ihnen bereits einen Sitz in der Exekutive zu. Doch das ist Hosszu offenbar nicht genug. Ihr geht es weiter um mehr Starts. Und sie wird nicht aufgeben. Ihr Motto lautet schließlich: „Harte Arbeit zahlt sich immer aus“ (Hard work always pays off). T-Shirts mit diesem Aufdruck kann man natürlich auch auf ihrer Internetseite kaufen.

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