Sport : Kaum ein Wort zum Sport

Günther Beckstein will Sportminister werden – doch gegen die Bilanz von Rot-Grün hat er es nicht leicht

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Von Robert Ide

Berlin. Er beißt sich auf die Lippen. Das tut Günther Beckstein immer, wenn er ein wenig unsicher ist. Vor ihm stehen zwei junge Schwimmerinnen im Badeanzug, das Wasser perlt über ihre Wangen. Sie schauen Beckstein an, warten auf ein Gespräch. „Und, kommen Sie aus Berlin?“, fragt der bayerische Innenminister schließlich. Die Sportlerinnen im Olympiastützpunkt Hohenschönhausen nicken. Dann geht Beckstein weiter.

Dieser Gang ist nicht leicht für ihn. Aber er muss ihn absolvieren. Beckstein will Bundesinnenminister unter einem Kanzler Edmund Stoiber werden – und weil auch der Sport zu diesem Ressort gehört, guckt er jetzt Boxern und Radfahrern beim Training zu. „Ich bin hier Laie“, gibt Beckstein leise zu. Manfred von Richthofen, Chef des Deutschen Sportbundes, steht neben ihm und schweigt.

Deutschlands Sportfunktionäre machen kaum einen Hehl daraus, was sie von der rot-grünen Bundesregierung halten: viel. „Über die Zuwendungen für den Leistungssport können wir uns nicht beklagen“, sagt von Richthofen. Zwar stagniert die Förderung für den Spitzensport; zieht man noch die Zusatzausgaben für die Stadionbauten in Berlin und Leipzig ab, geht sie sogar zurück. Doch in Zeiten der Konsolidierung des Haushalts könnte es schlimmer sein. Der Sport bekam sogar neue Zuwendungen. Die Entgelte für Übungsleiter wurden erhöht, zudem wurde ein „Goldener Plan Ost“ für den Bau von Turnhallen und Fußballplätzen in Ostdeutschland aufgelegt. Da verwundert es kaum, dass SPD-Generalsekretär Franz Müntefering nun im Wahlkampf den Sport entdeckt. „Wir haben in der Sportpolitik den Reformstau aufgelöst“, meint Müntefering. Die SPD sei Anwalt des Sports. „Gerhard Schröder und Otto Schily sind die Garanten.“

In der Tat fiel in den vergangenen vier Jahren eines auf: Die öffentliche Performance der rot-grünen Koalition in Sachen Sport war wirkungsvoller als die tatsächliche Politik. Die Auswärtsfahrten Schröders, etwa zur Fußball-WM nach Asien, hinterließen ebenso Eindruck wie die heimischen Empfänge für Basketballer, Radfahrer und Sport- Sponsoren. Und während Beckstein beim Antrittsbesuch in Hohenschönhausen nach den richtigen Fragen sucht, bejubelt die Zeitschrift des Olympiastützpunktes den Besuch des Kanzlers vor fünf Wochen mit den Worten: „Er zeigte sich bestens informiert.“

Angesichts dieser Stimmungslage wirken die Politiker der Union fast schon wie Mäkler, wenn sie Sportminister Schily nur eine „mäßige Bilanz“ ausstellen wollen. Dabei weisen CDU und CSU auf wichtige Mängel hin. Vor allem im Kampf gegen Doping gibt es für die Regierung noch viel zu tun. „Die finanzielle Ausstattung der Nationalen Anti-Doping-Agentur ist eine Farce“, sagt CDU-Sportexperte Volker Kühn. Zwar eröffnete Schily vor kurzem jene unabhängige Agentur, die zukünftig Dopingkontrollen durchführen soll. Doch vor Januar kommenden Jahres können die Experten ihre Arbeit nicht aufnehmen – der Sitz in Bonn ist noch eine Baustelle. Ebenfalls offen ist die gesetzliche Flankierung. Ein Anti-Doping-Gesetz, das sich die SPD im Wahlprogramm 1998 vorgenommen hatte, gibt es bis heute nicht. „Ob ein solches Gesetz notwendig ist, werden wir sehr sorgfältig prüfen“, sagte Schily am Donnerstag dem Tagesspiegel. „Vorfestlegungen sind dabei nicht hilfreich.“ Ein Thema für die neue Legislaturperiode ist das allemal. Die Verabschiedung eines neuen Gesetzes steht jedenfalls wieder im SPD-Wahlprogramm.

Auch andere Themen lassen sich kaum aufschieben – egal, welche Parteien regieren. Die Verbesserung des Schulsports oder die Integration des Breitensports in eine Gesundheitsreform dürften nach dem Wahltag an Bedeutung gewinnen. „Die Krankenkassen müssen Sportkurse systematisch und großzügig fördern“, fordert der Sportexperte der Grünen, Winfried Hermann. Auch die CDU will den Sport stärker zur Gesundheitsvorsorge heranziehen. So steht es jedenfalls in ihren „sportpolitischen Aussagen für die Bundestagswahl“. Das Papier hat allerdings nur eingeschränkten Wert. Denn ebenso wie die Grünen verliert die Union in ihrem Wahlprogramm kaum ein Wort zum Sport.

Günther Beckstein ist mit dem Rundgang in Hohenschönhausen fertig. Jetzt, nach einer Stunde Lernen, ist er lockerer geworden. „Ich spüre, wie wichtig dieser Olympiastützpunkt ist“, sagt er zum Abschied. Zur gleichen Zeit meldet die Deutsche Presse-Agentur: „Der Betrieb der Schwimmhalle in Hohenschönhausen ist langfristig gesichert. Sportsenator Klaus Böger (SPD) bedankte sich für die Unterstützung der Bundesregierung und von Kanzler Gerhard Schröder.“

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