Sport : Kein Angriff ohne Hackentrick

Wie der FC Bayern Zuschauer begeistert und Gegner schreckt

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Von Detlef Dresslein

München. Es waren keine Fans und auch nicht die Balljungen, die sich spätabends noch vor der Kabine des FC Bayern München herumtrieben und ein Trikot begehrten. Nein, es waren drei Spieler der gegnerischen Mannschaft, in diesem Fall von Partizan Belgrad. Und so sollte es doch, bitteschön, auch wieder sein: Der Gegner kommt ins Olympiastadion, holt sich eine Niederlage und bestenfalls ein paar Autogramme ab und stört nicht weiter die Erfolgsproduktion.

Ein seltsames Spiel war das gewesen. Offiziell das Rückspiel der Champions-League-Qualifikation, mit zumindest der theoretischen Möglichkeit eines schwer wiegenden Scheiterns. Was nach dem Münchner 3:0-Sieg im Hinspiel jedoch bereits absurd gewesen wäre. Inoffiziell war der 3:1-Sieg der Bayern im Rückspiel gegen die Belgrader ein besseres Testspiel mit karitativem Charakter, denn die gesamten Einnahmen werden den Flutopfern gespendet. Ein cleverer Schachzug des Bayern-Präsidiums, denn so schufen sie sich eine imposante Kulisse von 40 000 mildtätigen (und sportlich anspruchslosen) Zuschauern und taten dazu einiges für ihr Image.

Auch die Ästhetik kehrt zurück

Sportlich passt es in München ohnehin. Wie um einen bösen Fluch zu besiegen und den noch vor einigen Monaten ob der mangelnden Ästhetik der Darbietungen zeternden Franz Beckenbauer zu besänftigen, zauberten die Bayern am Dienstagabend mitunter im Minutentakt. Kaum ein Angriff, so schien es, soll mehr ohne Hackentrick, Doppelpass oder Übersteiger auskommen. Der sonst oft nörgelnde Bayern-Präsident gab sich nach der Vorstellung seiner Angestellten ungewohnt jovial. „Es macht wieder Spaß, ins Stadion zu gehen“, befand Franz Beckenbauer.

Da störte es auf der VIP-Tribüne auch niemanden, dass vieles uneffizient versandete. „Man spürt die Spielfreude, man spürt die Laufbereitschaft. Das ist eine Mannschaft, die zu Außergewöhnlichem in der Lage ist“, sagte Karl-Heinz Rummenigge. Der Chef der Bayern-AG machte der Konkurrenz für diese Saison wenig Hoffnung: „Ich glaube nicht, dass wir schon bei hundert Prozent angekommen sind, und trotzdem spielen wir einen Gegner wie Belgrad an die Wand.“ Und immer wieder sprach Rummenigge die Laufbereitschaft an, als ob er die neuen Zeiten beschwören wollte, ohne den n des früheren Kapitäns Stefan Effenberg zu nennen, der neuerdings im Niedersächsischen tätig ist. Und der sich durch eben diese Laufbereitschaft am wenigsten hervortat. „Wenn man sieht, was Ballack und Ze Roberto, Salihamidzic oder Jeremies hier runterlaufen …“ sagte Rummenigge und nannte aus Versehen das gesamte effenbergfreie Mittelfeld.

Ein wenig Überschwang, bisschen Arroganz und ganz viel Selbstbewusstsein, das ist die Mischung der neuen Bayern. Der eher moderate Franzose Bixente Lizarazu sprach davon, „Titel zu gewinnen“, und benutzte dabei ausdrücklich den Plural. Und als man Michael Ballack auf das Ziel „Finale“ ansprach, strahlten seine Augen. Auch wenn er brav sagte: „Das Finale ist zwar immer das Ziel, aber bei so vielen Topmannschaften auf gleichem Level entscheiden die Tagesform, das Glück und die Auslosung.“

Laut Ballack ist der FC Bayern schon jetzt sportlich gesehen aus den roten Zahlen heraus und bei null angelangt: „Jetzt ist das Normale erreicht. Wir sind in der Champions League dabei, das ist der Standard beim FC Bayern.“ Vor dem Finale oder überhaupt größeren Aufgaben gilt es aber zunächst die erste Runde zu überstehen, die heute in Monte Carlo ausgelost wird. Die Bayern-AG in Person ihres Vorstandsvorsitzenden Rummenigge kann es kaum noch erwarten: „Das wird die schwerste Champions League, die jemals gespielt wurde. Es hat sich alles qualifiziert, was Rang und Namen hat. Ein Wettbewerb der Superlative. Ich freu’ mich darauf."

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