Kein Betrug durch Doping : Freispruch für Radprofi Stefan Schumacher

Im Zweifel für den Angeklagten: Der Radprofi Stefan Schumacher wird nicht wegen Betrugs durch Doping verurteilt – die Diskussion um ein Anti-Doping-Strafrecht geht aber weiter.

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Stefan Schumacher darf sich freuen. Das Gericht entschied für ihn - trotz Zweifeln.
Stefan Schumacher darf sich freuen. Das Gericht entschied für ihn - trotz Zweifeln.Foto: dpa

Ein kurzes Lächeln beim Angeklagten, zaghafter Beifall im Sitzungssaal des Stuttgarter Landgerichts. Stefan Schumacher wirkte so, als hätte er gerade das härteste Zeitfahren seiner Karriere als Profiradler erfolgreich hinter sich gebracht. Und so ist es wohl auch: Nach 19 Verhandlungstagen und 14 Zeugen sprach ihn die Strafkammer vom Vorwurf des Betrugs an seinem Arbeitgeber Team Gerolsteiner frei. Die Richter urteilten dabei im Zweifel für den Angeklagten. Schumacher habe zwar unstrittig jahrelang gedopt und darüber „übel gelogen“ (der Vorsitzende Richter Martin Friedrich), ob er damit aber seinen Arbeitgeber im Jahr 2008 um 150 000 Euro Gehalt betrogen habe, sei zwar durchaus möglich, aber fünf Jahre später nicht mehr klar zu beweisen. Denn sein Arbeitgeber habe möglicherweise von Schumachers Epo-Doping gewusst. „Ich bin sehr erleichtert“, sagte Schumacher, „das ist ein faires Urteil.“

Einem anderen Protagonisten dürfte der Freispruch im ersten Strafrechtsprozess wegen Dopings in Deutschland eher nicht gefallen haben. Für seinen ehemaligen Chef Hans-Michael Holczer ist das Urteil zumindest eine kleine Ohrfeige. Das Gericht nahm Holczer zwar sein Engagement im Anti-Doping-Kampf ab – vorbehaltlos aber eben nur nach außen. Dass er nicht gewusst haben will, was in seinem eigenen Team in Sachen Doping los ist – daran hatten die Richter Zweifel. Holczer habe eine große Nähe zu den Teamärzten gehabt. Und die waren nach Meinung des Gerichts aktiver Teil des Dopings. Richter Friedrich wollte deshalb nicht ausschließen, dass Holczer mit den Dopinggerüchten um Schumacher nach dem Motto „Augen zu und durch“ umgegangen sei. Am Ende äußerte das Gericht „objektive Zweifel“, dass Holczer tatsächlich der Unwissende war. Allerdings räumte Friedrich ein, dass es auch sein könne, dass Holczer doch nichts gewusst habe.

Holczer selbst erfuhr in Italien von dem Urteil. „Ich bin enttäuscht, dass es Schumacher so lange gelungen ist, seine Hintermänner aus dem Spiel zu halten“, sagte er. Der ehemalige Realschullehrer vermutet die Dopingbeschaffer eher „in Schumachers persönlichen Umfeld, als in dem des Teams.“ Und er – darauf besteht er weiter – habe von nichts gewusst.

Der Prozess war weit über die schwäbischen Grenzen hinaus beobachtet worden. Vor allem die Frage, ob das Strafrecht für einen erfolgreichen Anti-Doping-Kampf reicht, stand im Fokus. Viele Spitzenfunktionäre, darunter Thomas Bach, der bisherige Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, sagen dazu gebetsmühlenhaft Ja. Juristen wie Schumachers Verteidiger Dieter Rössner und Michael Lehner Nein. Das Gericht sieht den Präzedenzcharakter indes nicht. Für Richter Friedrich war der Prozess ein Einzelfall zwischen dem Angeklagten Schumacher und dem Zeugen Holczer.

Und es war ein Verfahren, in dem sich die Strafkammer ungemein schwer mit der Materie nahezu mafiöser Strukturen im Radsport tat. Während der Beweisaufnahme kamen viele Vorwürfe hoch, die auch alle Straftaten sein könnten, würde man denn Ermittlungen einleiten. Das passiert aber wohl nicht. Dabei gab es Ärzte, die rezeptpflichtige Medikamente ohne Grund herausgeben und als Doping-Erfüllungsgehilfen arbeiteten, wie das Gericht feststellte. Dazu Apotheken, in denen man ohne Rezept Dopingsubstanzen kaufen konnte oder Dealer, die mit allem handeln, was verboten und teuer ist. Der Sumpf, in den das Verfahren blicken ließ, ist tief. Wird aber wohl nicht wirklich trockengelegt werden, zumindest nicht im Nachgang dieses Verfahrens.

Ob der Prozess in Stuttgart nun vorbei ist, bleibt offen. Staatsanwalt Peter Holzwarth will eine Nacht darüber schlafen, ob er Rechtsmittel einlegen wird. Stefan Schumacher strebte derweil erleichtert aus dem Gebäude. „Ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Es wird immer zu meiner Geschichte gehören, aber jetzt schaue ich nur noch vorne.“ Sportlich kann er das in Sachen Doping noch nicht. Schumacher steht im Wort bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur, beim Anti-Doping-Kampf zu helfen. Dazu muss er doch noch mal zurückblicken.

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