Sport : Kein Blick, aber viele Tore

Wie Bremens Ailton und Klasnic als Paar funktionieren

Frank Hellmann

Bremen. Beim Anstoß würdigen sie sich keines Blickes. Ailton Goncalves da Silva, 30 Jahre, erfolgreichster Stürmer der Fußball- Bundesliga, der sich vor jedem Anpfiff bekreuzigt, schaut verstohlen auf seine bunten Schuhe, scheint gedankenverloren, dann schiebt er den Ball zur Seite. Neben ihm steht Ivan Klasnic, der Sturmkollege im grün-orangefarbenen Dress. Er nimmt den Ball auf und spielt zurück. Automatisch laufen die beiden in Position. Ailton trabt zumeist links-mittig Richtung Zentrum, Klasnic nimmt mehr Tempo auf und zeigt in zirkulierenden Laufwegen an, was im Werder-Sturm zuvorderst eine Aufgabe ist: sich bewegen, sich anbieten, sich positionieren.

Sein Weg führt ihn oft vom Strafraum weg, zu den Mittelfeldspielern hin, um Räume zu schaffen, Bälle prallen zu lassen. Mal weicht er bis zur linken Außenlinie aus, mal stößt er in die Spitze, schraubt sich in die Luft, legt mit dem Kopf ab. In diesen Szenen bewegt sich auch Ailton, der lauernde, stets für den kurzen Sprint bereite Angreifer. Das Spiel ist oft 20, 30 Minuten alt, und die beiden haben noch kein Wort miteinander gesprochen. Ailton redet mit sich selbst, Klasnic bevorzugt Gestik und Mimik – nonverbale Kicker-Kommunikation. Das Verständnis untereinander ist ausgeprägt. Und effektiv wie kein anderes in der Liga. Zusammen haben sie 38 (Ailton 26, Klasnic 12) der 73 Bremer Tore erzielt. In der Scorer-Liste liegen sie an Position eins und vier, Ailton hat acht, Klasnic sogar elf Tore vorbereitet. Was auffällt: Die beiden Stürmer, die überwiegend mit dem linken Fuß ihre Tore schießen, sie suchen, und sie finden sich. Ailton hat dem Kroaten vier, Klasnic dem Brasilianer gar acht Treffer aufgelegt. Besser harmoniert kein Duo. Oft reicht ein kurzes Handzeichen.

Ailton will den Ball in den Lauf, nicht auf den Kopf. Bei Klasnic ist es oft umgekehrt. Die Mittelfeldspieler, allen voran Johan Micoud, wissen um diese Vorlieben. Flache, schnelle Vorlage für Ailton, hohe Flanken, schwierig verwertbare Vorgaben für Klasnic. Man weiß: Der setzt nach, grätscht, kämpft, holt sich noch an der Eckfahne den Ball. Schießt Ailton ein Tor, ist Klasnic oft erster Gratulant, nach Ailtons zwei Toren am 13. März gegen Köln hat er ihm sogar die blauen Schuhe geküsst.

Sie sind so unterschiedlich in Charakter, Auftreten und Spielanlage, dass dies die Sturmstärke der Bremer Offensive ausmacht. Privat gehen der Farmersohn aus Nordbrasilien und der gebürtige Hamburger getrennte Wege. Ailton, der Individualist, bevorzugt südamerikanische Bars und Freunde. Klasnic, der Teamspieler, schart gerne Kicker-Kollegen für einen Gang in die Kneipen an der Schlachte, Bremens Flaniermeile, um sich. Doch eines ist gewiss: Klappt es schon am Samstag im Olympiastadion gegen die Bayern mit der Meisterschaft, wird sich das ungleiche Paar in den Armen liegen.

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