Sport : Kein einziger Pfiff

Sven Goldmann

Vielleicht lag es ja daran, dass Gerald Asamoah nicht mitspielte. Der Schalker Stürmer saß auf der Bank, und er fand beim Dortmunder Publikum ebenso wenig Beachtung wie beim deutschen Teamchef Rudi Völler. Im Falle Völlers war das nicht weiter überraschend, schließlich hatte Asamoah am Sonnabend beim 1:1 in Kiew so schlecht gekickt wie kaum ein Zweiter. Dass aber die Fans im Westfalenstadion dem Mann auf der Bank keine Beachtung schenkten, keinen einzigen Pfiff, keinen hämischen Sprechgesang - wer hätte das gedacht? Gemeinhin sind Schalker Fußballer in Dortmund ähnlich gern gesehene Gäste wie Uli und Dieter Hoeneß beim Geburtstag von Christoph Daum. Gestern aber war alles anders. Für 90 Minuten definierte sich der Fan im Stadion (seinem Stadion!) weniger über seine Heimatstadt als über sein Personaldokument. Weit und breit keine scharz-gelben Fahnen der Borussia. Dortmund war von Südtribüne (Weiß) bis Nordtribüne (Schwarz) ganz auf Deutschland eingestellt.

Vielleicht war das die größte Gemeinheit, die der Dortmunder Anhang dem ungeliebten Nachbar antun konnte. Seht ihr Schalker, so wird das gemacht: Niemand hat vergessen, wie die Fans in Gelsenkirchen die Nationalmannschaft vor ein paar Wochen in der Arena Auf Schalke empfangen hat. Pfiffe für die Dortmunder, Beifall für die Schalker, königsblaue Vereinslieder. Schalke feierte sich selbst und ignorierte den Rest. Kein Spieler hat sich später öffentlich beschwert und die bescheidene Leistung beim 0:0 gegen Finnland auf die ausbleibende Unterstützung aus dem Publikum geschoben. Aber richtig wohl gefühlt haben sie sich alle nicht, vermutlich nicht einmal die Schalker.

Manch einer hat darauf hin gezweifelt an der Entscheidung kritisiert, dass entscheidende Spiel, das wichtigste des Jahres, ausgerechnet nach Dortmund zu vergeben. Doch die befürchtete Revanche, sie kehrte sich ins Gegenteil um. Pfiffe gab es keine, gefeiert wurde über 90 Minuten lang nur einer, nämlich Teamchef Rudi Völler, und das einzige Lied, das gestern gesungen wurde, war, ausgerechnet!, ein abgewandelter Schalke-Song: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid."

Kurz gesagt: Es herrschte genau die Stimmung, wie sie von Oliver Kahn in einem Anfall von Zweckoptimismus vorausgesagt worden war. "Das Publikum wird wie eine Wand hinter uns stehen", hatte der Mann verlauten lassen, der im Westfalenstadion gemeinhin mit Bananen empfangen wird. Gestern aber feierten die Fans den Torhüter schon, wenn eines der drei, vier ukrainischen Schüsschen in seine Arme rollten. Dabei steht sein Verein Bayern München in der Dortmunder Unbeliebheitsskala hinter dem FC Schalke gleich an Nummer zwei. Nein, es war kein Mittwoch wie jeder andere im Westfalenstadion.

Eine Personalie ging im allgemeinen Jubel übrigens fast unter. Das war in der 70. Minute, als Lars Ricken eingewechselt wurde. Der erste und einzige Dortmunder, der gestern mitkicken durfte.

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