Kein Flair, keine Inspiration : Die Holländer sind keine Holländer

Die Schweden sind keine Holländer, hat Franz Beckenbauer einst mit kaiserlich-analytischer Tiefenschärfe gesagt. Jetzt, so scheint es, sind auch die Holländer keine Holländer mehr. Das Team, das immer für begeisternden Fußball stand und diese Vorrunde mit seinem Flair geprägt hat, spielte uninspiriert.

Stefan Hermanns[Basel]
Hollandse
Abschied einer großen Elf. Das beste Team der Vorrunde ist draußen.Torwart van der Sar schaute schon vor dem Spiel griesgrämig....Foto: dpa

Guus Hiddink sah so aus, als hätte er gerne noch einen längeren Plausch gehalten. Aber Guus Hiddink sieht immer so aus, als würde er gerne noch ein bisschen plauschen, ein gemütlicher Mann eben, der viel zu erzählen hat. Edwin van der Sar, der Torhüter der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, beließ es trotzdem bei einer kurzen Umarmung. Dann verließ er den Platz. 128 Länderspiele hat van der Sar für Holland bestritten, 1996 spielte er sein erstes Turnier, die Europameisterschaft in England, auch damals schieden die Holländer im Viertelfinale aus. Sein Trainer hieß: Guus Hiddink. Dessen Russen haben nun die internationale Karriere des Torhüters beendet, eine Karriere, der die Krönung versagt geblieben ist. „Es tut mir sehr leid für Edwin van der Sar“, sagte Marco van Basten, der Bondscoach der Holländer. „So ein großer Torhüter hat ein solches Turnier zum Abschluss nicht verdient.“

Wie kein Zweiter hat Van der Sar den finalen Triumph bei diesem Turnier gewollt, den ersten Titel für Holland seit 1988 - weil van der Sar als Torhüter wie kein Zweiter unter Holland gelitten hat: unter den Niederlagen im Elfmeterschießen, dem fehlenden Killerinstinkt, dem Hang zur Selbstzerfleischung, auch unter der traditionellen spielerischen Überlegenheit der holländischen Fußballer, die immer in den ungünstigsten Momenten in Selbstüberschätzung umschlägt. „Wir haben es uns selbst zuzuschreiben“, sagte van der Sar. Die Holländer verloren dieses Viertelfinale, nicht obwohl sie so eine überragende Vorrunde gespielt hatten, sondern weil sie ihre Gruppe so souverän beherrscht hatten. „Wir wollten mit demselben Enthusiasmus ins Spiel gehen“, sagte van Basten. „Das haben wir nicht geschafft.“

In den ersten drei Viertelfinalspielen ist dreimal der Gruppensieger ausgeschieden, dreimal die Mannschaft, die in der Vorrunde spielerisch überzeugen konnte. „Wir haben das Niveau nicht halten können“, sagte van der Sar. Wieder einmal nicht. Wie vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft verabschiedete sich Holland gleich im ersten K.-o.-Spiel. Auch damals hatten sie eine so genannte Hammer- oder Todesgruppe überlebt, aber als es darauf ankam, konnten sie ihre spielerischen Fähigkeiten nicht ausspielen. Bei der WM 2006 ließen sie sich von den Portugiesen zu einem Kampfspiel provozieren, das sie gar nicht gewinnen konnten.

In Basel endete auch die Amtszeit von Marco van Basten, der jetzt Trainer von Ajax Amsterdam wird und damit weiterhin großen Einfluss auf den holländischen Fußball ausüben wird. Van Basten gehörte 1988 zu jener Mannschaft, die bei der Europameisterschaft in Deutschland den einzigen Titel für Holland gewann. Als er 2004 seinen Job als Bondscoach antrat, wollte der frühere Ausnahmestürmer Schönheit und Erfolg zusammenzuführen. Seine Mannschaft hat in diesen vier Jahren tatsächlich schön und erfolgreich gespielt, aber entweder schön oder erfolgreich, nie beides zusammen. „Der Traum ist vorbei“, sagte Rafael van der Vaart. Wie es mit dem holländischen Fußball weitergeht, hängt auch davon ab, wie sich dieses Turnier in der kollektiven Erinnerung des Landes festsetzen wird: als Erfolg, weil die Mannschaft in der Vorrunde doch so schön gespielt hat, oder doch als Enttäuschung wegen des uninspirierten Auftritts im Viertelfinale.

Marco van Basten wahrte in der Stunde seines Scheiterns die Haltung. Er ging in die Kabine und beglückwünschte alle Spieler. Es war die Kabine der Russen.

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