Sport : Kein Kandidat

Leipzig ist gescheitert – jetzt fragen sich alle, ob die Stadt der richtige deutsche Olympiabewerber war

Robert Ide[Lausanne],Friedhard Teuffel[Leipz]

Als Jacques Rogge im Kongresszentrum von Lausanne die Städtenamen verlas, starrten Leipzigs Delegierte drei Reihen vor ihm hoffend in die Luft. „Als Kandidaten für die Spiele 2012“, begann der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und holte kurz Luft, „akzeptieren wir: Paris, New York, Moskau, London und Madrid.“ Dann herrschte Stille im Saal. Und die deutsche Mannschaft, die Olympia nach Leipzig holen wollte, fing leise an, den Siegern zu applaudieren. Der Rest war Trauer und Fehlersuche.

Viele hundert Kilometer entfernt von Lausanne schien jeder Städtename ein kleiner K.-o.-Tropfen für die Menschen auf dem Leipziger Nikolaikirchhof zu sein. Es waren etwa Zehntausend, die auf die Videoleinwände schauten und benommen waren davon, dass der IOC-Präsident Leipzig nicht nannte. Eine schwere Stille breitete sich über dem Platz aus, die nur von vereinzelten Pfiffen unterbrochen wurde. Erst Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee konnte die Menschenmenge wieder aus ihrer Erstarrung lösen. „Liebe Leipziger, wir sind auch fair. Wir sollten als Erstes denen gratulieren, die es geschafft haben“, sagte er, „aber es tut sehr weh.“ Die Leipziger hielten sich dann trotzdem an den geplanten Ablauf und ließen Hunderte blauer Luftballons mit dem Olympialogo in den Himmel steigen.

Derweil sprach in Lausanne Otto Schily das aus, was viele dachten: „Ich bin sehr enttäuscht.“ Der Bundesinnenminister war extra zum IOC-Sitz nach Lausanne gereist und fügte, als Politiker geübt, schlechte Nachrichten zu verkaufen, hinzu: „Wir können dennoch mit erhobenem Haupt nach Hause fahren.“

Ebenso wie Schily verwiesen deutsche Sportfunktionäre darauf, dass Leipzig bei vielen Kriterien durchaus gute Noten bekommen hatte, etwa bei der Finanzierung der Olympischen Spiele und der Unterstützung der Regierung. Dennoch musste IOC-Vizepräsident Thomas Bach eingestehen: „Olympia ist für Leipzig wohl eine halbe Nummer zu groß.“ In der technischen Bewertung des IOC war Leipzig auf den sechsten von neun möglichen Plätzen gekommen und damit knapp gescheitert. „Die Infrastruktur in Leipzig ist nicht ausreichend, um die Olympischen Spiele zu organisieren“, befand Rogge trocken, als er den Raum verließ. „Die Hotelkapazität war dabei ein wichtiger Punkt.“ Leipzigs Planer hatten versucht, die vom IOC geforderten 42 000 Hotelbetten teilweise durch die Sanierung von Altbauwohnungen bereitzustellen. Auf die Frage, ob der deutsche Kandidat einfach zu klein sei, um Olympische Spiele zu organisieren, antwortete Rogge: „Definitiv.“

Im deutschen Sport begann bereits wenige Minuten nach der Entscheidung die Debatte über Fehler. Klaus Steinbach, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), rang sichtlich nach Fassung und räumte Aufklärungsbedarf ein. „Wir müssen unsere Lehren aus diesem Ergebnis ziehen.“ Auf die Frage, ob Deutschland mit der falschen Stadt ins Rennen gegangen sein, sagte er: „Diese Frage wird jetzt sicher kommen.“ In der nationalen Vorauswahl hatte Leipzig unter anderem Hamburg hinter sich gelassen, eine vom NOK eingesetzte Prüfungskommission hatte der sächsischen Messestadt dabei in der Hotelfrage gute Noten gegeben – weit vor Frankfurt am Main.

Schon am Abend vor der Entscheidung hatten sich in Lausanne vier olympische Favoriten abgezeichnet: die Weltstädte Paris, London, New York und das vom IOC überraschend stark benotete Madrid. In der Bar des mit goldenen Lampen ausgeleuchteten Luxushotels Palace saß NOK-Chef Steinbach mit führenden Sportfunktionären zusammen und trank Bier. „Ich habe ein schlechtes Gefühl“, raunte der deutsche Leistungssport-Chef Ulrich Feldhoff um Mitternacht. Dann erzählten sich die Männer mit den Leipzig-Stickern am Revers ein paar Geschichten, die sie in den vergangenen Wochen erlebt hatten. Verspottet worden seien sie auf internationalen Kongressen. „Danke, dass ihr Leipzig ins Rennen geschickt habt und nicht Hamburg“, hätten Konkurrenten gelästert. Ein russischer Funktionär, der der Runde lauschte, bestellte zum Trost Wodka.

Am Morgen der Entscheidung hatten die deutschen Olympiawerber noch einmal im Tagungszentrum gestanden und gemeinsam im Kaffeesatz gerührt. Während sich die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees zur Beratung zurückzog – zehn Herren und Präsident Rogge an einem Tisch in einem Marmorpalais –, scherzte Ex-NOK-Chef Walther Tröger: „Sieben von zehn Entscheidern haben mir ihre Stimme versprochen“ – er musste selber darüber lachen.

An diesem Morgen war auch die Leipziger Delegation ohne neue Gewissheiten aus Lausanne zurückgekehrt. Je näher die Bekanntgabe der Entscheidung rückte, desto mehr verdichteten sich Gerüchte zu einer verlässlichen Aussage: Leipzig scheitert. Doch bis zur Gewissheit rannten immer noch Freiwillige auf der sieben Kilometer langen Olympia-Meile durch die Stadt, um ihre Begeisterung auszudrücken. Das Ende der Olympia-Vision war in der Stadt nur mit viel bösem Willen zu erkennen, daran zum Beispiel, dass die Olympia-T-Shirts in einem großen Kaufhaus von 13.95 Euro auf 8.95 Euro herabgesetzt waren.

Bei der Bekanntgabe der Niederlage standen Oberbürgermeister Tiefensee, Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe und der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt dann nebeneinander auf einer Bühne und ließen sich in die Augen schauen. Tiefensee machte einen angespannten und enttäuschten Eindruck. Aber er konnte die Menschenmenge immerhin noch zum Jubeln bringen, als er die Kraft und das Herzblut lobte, mit denen sich die Leipziger für ihre Bewerbung eingesetzt hatten. Nach der Entscheidung waren aber auch viele Tränen zu sehen, vor allem bei den hauptamtlichen Mitarbeitern der Bewerbungsgesellschaft. Als Peter Zühlsdorff, der Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, seinen Mitarbeitern danken wollte, musste er selber innehalten: „Sie merken, mir fehlen die Worte, ich bin nah am Wasser gebaut.“

Zur großen Analyse war noch keiner imstande. Die Nachlese beginnt an diesem Mittwoch mit der Sitzung des Aufsichtsrats in Leipzig. Weil nach der Bewerbung offenbar schon wieder vor der Bewerbung ist, wurde Tiefensee nach möglichen Plänen für Olympia 2016 gefragt. „Wir werden die Computeranalyse des IOC abwarten und sehen, ob unsere Schwächen zu beheben sind oder nicht“, sagt er. Wenig später deutete auch Hamburg an, dass es für eine Kandidatur 2016 bereit sei.

Auf dem Nikolaikirchhof sang unterdessen die Band Bell Book & Candle „Rescue me“, Rette mich. Obwohl es für die Leipziger Bewerbung für 2012 keine Rettung gibt, feierten die Menschen ihr Bürgerfest. Hoffnungsfroh hatten sie mit ihrer Olympiabewerbung begonnen, am Nachmittag blieb heitere Traurigkeit.

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