Sport : Kein Krawall im Kopf

Die Berliner Badmintonspielerin Juliane Schenk holt bei der WM in London die Bronzemedaille

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Hohe Schlagzahl. Juliane Schenk gilt als Badmintonspielerin mit großem Laufpotenzial. Nun ist ihr Stil auch kämpferischer geworden. Foto: dapd
Hohe Schlagzahl. Juliane Schenk gilt als Badmintonspielerin mit großem Laufpotenzial. Nun ist ihr Stil auch kämpferischer...Foto: dapd

Berlin - Juliane Schenk hat keine Angst. Vor wichtigen Partien nicht – und vor starken Spielerinnen schon gar nicht. „Ich weiß, dass ich an guten Tagen und bei Ausschöpfung meines Potenzials keine Gegnerin fürchten muss“, sagt die Wahl-Berlinerin. Zwar ist sie im Halbfinale bei den Weltmeisterschaften in London ausgeschieden. Die 28-Jährige verlor am Samstagabend gegen die Taiwanesin Cheng Shao Chieh in 33 Minuten mit 18:21 und 6:21. Die Bronzemedaille aber hat sie trotzdem sicher, weil diese nicht ausgespielt, sondern an die beiden Verliererinnen der Halbfinals vergeben werden. Es ist der größte Erfolg in Schenks Karriere.

Hätte Schenk allerdings das Finale erreicht, wäre sie die erste Deutsche in einem WM-Finale im Badminton gewesen. Trotz der letztlich enttäuschenden Niederlage im Halbfinale wird sie die WM bestimmt in guter Erinnerung behalten. Denn Schenk zeigte sich in stark verbesserter Form. Die dreimalige Deutsche Meisterin hatte sich im Viertelfinale gegen die Europameisterin Tine Baun aus Dänemark mit 21:9, 21:11 durchgesetzt. Gegen Baun hatte Schenk im EM-Finale 2010 in Manchester noch in drei Sätzen verloren, diesmal aber führte Schenk eine explosive Badminton-Demonstration auf, die nur 30 Minuten dauerte und bitter für Baun endete. Baun war in London an Nummer fünf gesetzt, aber gegen die derzeit in Mülheim lebende und trainierende Nummer neun war sie ohne jede Chance. Schenk siegte mit Tempo, Kraft, Wendigkeit, Kampfgeist und Einsatz – vor allem aber mit dem Kopf.

Schenk habe vor dem Spiel gegen ihre frühere Angstgegnerin Baun, gegen die sie bisher bei einer 1:4-Bilanz stand, wobei der einzige Erfolg schon aus dem Jahr 2002 stammt, von der Medaillenfeier geträumt, erzählte sie. Ein Omen, das sich mit der ersten Einzelmedaille bei einer WM für die nur 1,73 Meter große „Laufmaschine“, so wird sie unter Kennern wegen ihrer beeindruckenden Ausdauer genannt, erfüllte. Schenk begeisterte die Fans auf den Rängen, hechtete in Boris-Becker-Manier sogar nach aussichtslosen Bällen und machte wenig Fehler. Früher eine notorische Zweiflerin, überzeugte sie damit sogar sich selbst. In der Vergangenheit hatte sie häufig mit sich gehadert und konnte deshalb nicht ihr volles Potenzial nutzen. Ganz anders bei dieser Weltmeisterschaft. „Ich habe meine Chance in der Offensive gesucht. Es ist gigantisch, auch heute wieder eine Leistung mit so einer Energie zeigen zu können“, sagte sie und übte sich erst gar nicht in falscher Bescheidenheit. „Ich habe gewusst, das Ding wird sehr positiv für mich.“ Die Erklärung ist für Schenk simpel: „Kopfsache, Selbstbewusstsein.“ Sie habe sich einfach wohlgefühlt in ihrer Haut.

Seit drei Jahren arbeitet Schenk mit Mentaltrainerin Gaby Frey zusammen, in London bewohnte sie mit ihr während der Weltmeisterschaft ein Appartement, außerhalb des Mannschaftshotels. Ganz offensichtlich hat ihr das gut getan. Bronze bei einer Weltmeisterschaft hatten vor Schenk erst drei deutsche Badminton-Aktive geschafft – 2005 und 2006 die gebürtige Chinesin Huaiwen Xu und 2006 Petra Overzier.

Schenk fand, dass sie bereit gewesen sei, „alles zu tun, was ich drauf hatte“ und mit eben dieser Einstellung habe sie ihre Spiele gewonnen. „Mein Tempo war sehr hoch, und dann ist es in der Tat schwierig, mich zu schlagen.“ Die Kombination dieser Vorzüge macht Schenk zur großen Medaillenanwärterin für die Olympischen Spiele. Auch die bislang als nahezu unschlagbar geltenden Chinesinnen fürchten Schenk.

Einstweilen hat Schenk alle chinesischen Spitzenspielerinnen, die schon einmal an der Spitze der Weltrangliste standen, geschlagen. Lediglich gegen eine hat sie eine negative Bilanz. Schenk hat inzwischen eine Gewinner-Mentalität entwickelt, mit der sie in einem Jahr in London bei ihren dritten Olympischen Spielen endlich auch die erste deutsche Olympiamedaille im Badminton holen will. Ihr Ziel für Olympia hält Schenk selbst für „mutig, aber nicht übermütig“. Sie müsse eben an sich selbst glauben. Bei Europameisterschaften hat sie bislang elf Medaillen gewonnen, davon drei im Einzel. Doch obwohl sie bereits zum achten Mal bei Weltmeisterschaften am Start war, hatte es zuvor nie für eine Medaille gereicht.

Die Weltmeisterschaft in London dürfte sie nun besonders stark gemacht haben. Denn nicht nur der sportliche Druck hatte auf Schenk gelastet. „Ich habe gelernt, alle Blockaden aus dem Weg zu räumen“, sagt sie. Ihr Appartement im Londoner Stadtteil Ealing war gar nicht so weit weg von den Krawallen, doch selbst das konnte Schenk nicht aus der Bahn werfen. „Ich lasse mich nicht aus meiner inneren Mitte bringen“, sagt sie. Zwar konnte Schenk von ihrem Fenster aus die Verwüstung sehen, hörte Sirenengeheul, musste auf der Straße herumliegenden Glassplittern ausweichen – aber Juliane Schenk ließ sich davon nicht beeindrucken: „Ich habe das feste Vertrauen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“ Dass der ganz große Erfolg für sie nur eine Frage der Zeit ist, daran glaubt sie nun fester denn je. „Ich muss mir nur jedes Mal aufs Neue sagen: Ich bin wer!“

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