Sport : Kein Scherz

Rudi Völler nominiert eine Notelf für das Spiel gegen Serbien-Montenegro – auch Herthas Hartmann ist dabei

Stefan Hermanns

Bremen. Der Reporter von „Bild“ hat sich am Dienstag einen kleinen Scherz erlaubt. Er hat Andreas Rettig, dem Manager des 1. FC Köln, auf die Mailbox gesprochen, sich als Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ausgegeben und um einen Rückruf gebeten. Der Grund: Alexander Voigt, linker Verteidiger des Bundesliga-Aufsteigers, solle für das Länderspiel der Nationalmannschaft gegen Serbien-Montenegro heute in Bremen (20.40 Uhr, live in der ARD) nachnominiert werden. Natürlich war das nur ein Scherz. Anstelle von Voigt hat Teamchef Rudi Völler gestern Michael Hartmann von Hertha BSC in seinen Kader berufen. „Jetzt ist es halt passiert", sagte Völler.

Nach 137 Bundesligaspielen, mit 28 Jahren gehört Herthas linker Verteidiger überraschend erstmals zum Aufgebot der Nationalmannschaft. „Eigentlich stand ich gar nicht mehr im Blickpunkt“, sagte Hartmann. Offensichtlich doch. Völler sagte, er habe Hartmann „schon öfter mal ein bisschen im Hinterkopf“ gehabt, und die Chancen, dass er gegen Serbien-Montenegro spielt, „die sind sehr groß“. Allerdings liegt das wohl weniger an Hartmann als an der Masse personeller Probleme, die Völler vor diesem Freundschaftsspiel hat. Am Morgen vor dem Spiel meldeten die Zeitungen des Landes – je nach Zählweise – sechs oder elf Ausfälle, wenig später kam der siebte, respektive zwölfte hinzu. Tobias Rau wird wegen einer Hüftprellung nicht spielen, und auch der Schalker Jörg Böhme ist am Nachmittag gleich wieder heimgefahren. Völler griff also erneut zum Telefon und rief bei Hanno Balitsch an. Der Leverkusener wird nun nach dem Länderspiel der U-21-Nationalmannschaft am Dienstagabend in Wilhelmshaven ins Auto steigen und schnell nach Bremen düsen.

Michael Hartmann stand am Vormittag gerade in Berlin auf dem Trainingsplatz, als die Nachricht von seiner Nominierung publik wurde. Harald Stenger, Pressesprecher des DFB, informierte Hans-Georg Felder, Pressesprecher von Hertha BSC, und klärte gleich die Frage nach der Schuhgröße des Nachzüglers. Nachmittags um halb vier stieg Hartmann ins Flugzeug, und um halb sechs trainierte er in seinen neuen Schuhen, Größe sechseinhalb, mit den neuen Kollegen.

„Er ist in dieser Saison zusammen mit Arne Friedrich der konstanteste Spieler bei uns gewesen“, sagte Herthas Trainer Stevens. Und auch Rudi Völler findet, dass Hartmann „schon seit längerem gute Leistungen im Verein bringt“. „Ich hoffe, dass es nicht meine letzte Nominierung ist“, sagte Hartmann, der versuchen will, „das jetzt ein bisschen zu genießen“. Trotzdem wird ihm wohl keine ausgedehnte Karriere in der Nationalmannschaft beschieden sein. Der Teamchef ist weiterhin der Meinung, dass der zurzeit verletzte Christian Ziege für die linke Seite in der Abwehr „immer noch die beste Lösung ist“. Michael Hartmann wird es also vermutlich nicht anders ergehen als den Nationalspielern Ronald Maul, Horst Heldt und Heiko Gerber, die 1999 unter ähnlichen personellen Bedingungen aushelfen durften.

Seine Nominierung verdankt Hartmann Umständen, auf die er nur wenig Einfluss hatte und die die ganze Fragwürdigkeit dieses Länderspiels in Bremen dokumentieren. Dem deutschen Kader gehört kein einziger Angestellter vom neuen Meister Bayern München an, mit Ramelow, Frings und Klose sind nur drei Spieler dabei, die vor einem Jahr im WM-Finale standen. Und weil allein Christian Wörns aus dem aktuellen Aufgebot mehr als 40 Länderspiele bestritten hat, darf der heute Kapitän sein. Man könnte sagen: Christian Wörns ist genau der Kapitän, den diese Mannschaft verdient.

Unzeitiger kann der Termin für ein Länderspiel gar nicht sein, mitten in der entscheidenden Phase der Meisterschaft, in der die Spieler schneller dazu neigen, ein leichtes Ziehen in der Muskulatur als schwere Zerrung zu deuten. „Es gibt diesen Termin“, sagte Völler. „Da muss man einfach mit leben.“ Aber nicht mehr lange. Ab 2005 wird es im April keine Länderspiele mehr geben. Das hat der Weltverband Fifa beschlossen.

„Mein Trainer hätte lieber gesehen, wenn ich nicht hierher gekommen wäre“, sagte Fredi Bobic, der mit seinem Klub Hannover 96 gegen den Abstieg kämpft. Andere Trainer hatten wohl mehr Einfluss auf ihre Spieler. Trotzdem hielt es Völler für „Schwachsinn, sich groß darüber aufzuregen“ oder in Empörung auszubrechen. Zum Beispiel darüber, dass der am Ellbogen verletze Oliver Kahn zu Hause in München mit seiner Frau in der Sonne gesessen hat. „Wenn du eine Armverletzung hast, heißt das ja nicht, dass du dich zu Hause einschließen musst“, sagte Völler. „Ist doch schön, wenn er mit seiner Frau im Café sitzt.“

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