Sport : Keine Ahnung, aber gut

Football? Ezekiel Ansah hatte noch nie davon gehört. Dann verließ er Ghana. Heute ist er ein NFL-Star.

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Der Schrecken
Der SchreckenFoto: imago sportfotodienst

Es ist irgendwie peinlich. Und gleichzeitig saukomisch. Da sitzt dieser Felsbrocken von einem Mann und versucht verzweifelt, seine viel zu großen Oberschenkelschoner an die Stelle zu schieben, wo normalerweise die viel kleineren Knieschoner sitzen. Als es an die Schulter-Pads geht, müht er sich erst redlich, gibt dann aber doch entnervt auf. Die meisten Spieler in der Umkleidekabine, so berichten sie später, hätten sich am liebsten vor lachen auf den Boden geworfen. Doch niemand brachte auch nur einen Ton heraus. Der Typ flößte ihnen mit 1,96 Metern und 120 Kilogramm einfach zu viel Respekt ein.

Mittlerweile weiß Ezekiel Ansah sehr wohl, wie er seine Football-Ausrüstung anziehen muss. Er ist inzwischen Profi in der National Football League (NFL) und mit 24 Jahren schon Millionär. Reich gemacht hat ihn eine Sportart, von deren Existenz er vor fünf Jahren zum ersten Mal hörte. Nun steht Ezekiel Ansah, den sie im footballverrückten Amerika Ziggy nennen, im Mittelpunkt des Interesses. Mit seinen Detroit Lions kämpft er in einem spannenden Duell mit den Chicago Bears und den Green Bay Packers um die Teilnahme an den Play-offs. Zwei Spiele vor Ende der regulären Saison liegt seine Mannschaft auf Platz drei in ihrer Division. Ein Sieg am Sonntag gegen die bisher enttäuschenden New York Giants ist Pflicht, um es eventuell doch noch zu schaffen. Egal wie das Spiel ausgeht, Ansah zählt auf Seiten der Lions schon jetzt zu den großen Gewinnern. Er führt die für seine Position des Defensive Ends so wichtige Statistik der Quarterback-Sacks für Rookies an. Das heißt, kein Neuling hat den gegnerischen Spielmacher häufiger zu Fall gebracht als Ansah.

Dabei wurden die Lions belächelt, als sie Ansah im April bei der jährlichen Talenteauswahl in New York an fünfter Stelle wählten. Viel zu hoch sei das Risiko, meinten die meisten Experten. Ansah wurde als der Spieler mit dem größten Enttäuschungspotenzial unter den Top Ten eingestuft. Die Skepsis hatte ihren Grund: Bis heute sagt Ansah von sich, dass er erst noch dabei sei, American Football richtig zu lernen. Dieser Prozess sei längst nicht abgeschlossen. Noch immer gäbe es Dinge, die er nicht verstehe. Zu Hause verbringt er viel Zeit damit, sich Videos anzusehen und Spielzüge zu studieren.

Ansah muss aufholen, was seine amerikanischen Mitspieler seit Kindesalter verinnerlicht haben. Als er aufwuchs, spielte American Football in seinem Leben keine Rolle, weil der Sport in Ghana kaum jemanden interessiert. Wie in den meisten afrikanischen Ländern begeistern sich die Menschen dort für Fußball und Basketball. In beidem war Ansah gut. Im Basketball sogar sehr gut. Dachte er zumindest. Ein Missionar aus dem Mormonenstaat Utah hatte ihn einst auf einem Freiplatz in Ghana entdeckt und irgendwann, nachdem er aus dem gläubigen Ansah einen Baptisten gemacht hatte, bot er ihm an, nach Utah zu kommen und es dort an der christlichen Brigham Young University mit dem Basketball zu versuchen. Der Missionar rechnete nicht wirklich damit, dass Ansah seine Heimat verlassen und in die USA kommen würde.

Wenige Monate später war er da. Zweimal versuchte Ansah erfolglos, es ins Team zu schaffen. In seiner Heimat war er der König auf den Plätzen gewesen, weil er einige Bewegungen seines Idols LeBron James perfekt nachmachen und den Ball krachend per Dunking im Korb versenken konnte. Aber an der BYU waren alle mindestens genauso gut darin oder besser. Frustriert versuchte er es bei den Leichtathleten. Die 200 Meter schienen ihm geeignet, die war er schon in Ghana häufiger zum Spaß gelaufen. Im ersten Versuch rannte er eine Zeit, die ihm bei den nationalen College-Meisterschaften die Teilnahme am Finale gesichert hätte.

Ein Coach nahm ihn zur Seite und gab ihm einen Tipp: „Versuch es bei den Footballern.“ Am nächsten Tag suchte Ansah das Büro des Football-Trainers auf. „Ich will Football spielen“, sagte er. „Hast du denn schon mal gespielt?“, fragte der Coach. „Nein.“ „Weißt du denn, wie man es spielt?“ „Nein.“

Nicht einmal 24 Stunden später erschien Ansah trotzdem zum Training und obwohl er keine Ahnung hatte, was er da tat, geschweige denn, wie er seine Ausrüstung anziehen sollte, erwies er sich als nicht untalentiert. Er lernte schnell dazu, fortan gab es in seinem Leben nur noch Schule und Football. Wenn die anderen in den Ferien nach Hause fuhren, blieb Ansah auf dem Campus, stemmte Gewichte und studierte sein neues Lieblingsspiel. In seinem letzten Jahr am College schaffte er den Durchbruch, ehe es in die NFL zu den Lions ging.

Von den Experten in Detroit, die ihn vorher schon als Flop einstuften, lacht inzwischen keiner mehr. Und von den Mitspielern schon gar nicht. Das Anlegen seiner Ausrüstung beherrscht Ansah inzwischen im Schlaf. Genau wie die wichtigsten Elemente beim American Football. Sebastian Stier

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