Sport : Keine Auskunft unter dieser Nummer

Der Präsident des 1. FC Union rückt von Trainer Mirko Votava ab, aber der darf bleiben – vorerst

Karsten Doneck

Berlin. Steffen Baumgart hatte gegen Alemannia Aachen den Ausgleich erzielt. Jubelnd drehte er ab, rannte zur Trainerbank. Dort fiel der Torschütze seinem Trainer Mirko Votava jubelnd in die Arme. Eine demonstrative Geste. Baumgart, der Mannschaftskapitän, setzte ein Zeichen: Trainer, lass die anderen meckern, wir, die Spieler, stehen auf jeden Fall hinter dir. Das war Anfang November.

Beim 3:0-Sieg des 1. FC Union am Sonntag über Erzgebirge Aue erzielte Baumgart das 1:0. Einen weiten Abschlag von Torhüter Wulnikowski hatte er aufgenommen, war ein gutes Stück mit dem Ball am Fuß gerannt und hatte die Aktion mit dem 1:0 abgeschlossen. Seinen Jubel teilte der Torschütze aber allein mit den Fans. Warum er diesmal keinen Kontakt zur Trainerbank suchte? „Ich musste vor dem Treffer 40 Meter sprinten, da hätte ich gar keine Luft mehr gehabt, dorthin zu laufen“, erklärte Baumgart schelmisch. Man kann die Szene auch anders deuten: Beim 1. FC Union rücken sie von ihrem Trainer ab, und zwar alle: die Fans, der Präsident und wohl auch ein Großteil der Spieler.

Votava war am Montag noch im Amt, aber glücklich kann damit keiner sein, auch der Trainer selbst nicht. Eine Basis für eine gedeihliche Zusammenarbeit gibt es für ihn bei Union nicht mehr. Zumal Unions Präsident Jürgen Schlebrowski inzwischen weit vom Trainer abgerückt ist. „Ich glaube, dass wir mit ihm den Klassenerhalt nicht schaffen. Votava hat in den letzten Wochen eklatante Führungsschwächen gezeigt, sich in der Öffentlichkeit vereinsschädigend geäußert“, wird Schlebrowski in der „Bild“ zitiert. „Aus dem Zusammenhang gerissen“, fand der Präsident tags darauf diese Zitate. Aber wenn ein Chef auch nur annähernd so über einen seiner leitenden Angestellten redet, bleibt prinzipiell nur ein Ausweg: die Trennung.

Am Sonntag hatten sich Unions Verantwortliche bis tief in die Nacht hinein im Abacus-Tierparkhotel die Köpfe heiß geredet. Es soll nicht nur, aber hauptsächlich um eine möglichst elegante Lösung gegangen sein, wie man sich vom Trainer trennen könne. „Es war eine sehr, sehr lange Sitzung. Zu der ist später auch noch Herr Votava hinzugekommen“, sagt Lars Töffling, Unions Medienbeauftragter. Fazit der Diskussion? „Es wird bei uns keine Personalentscheidung geben, heute nicht, in zwei Tagen nicht und in dieser Woche nicht“, sagt Töffling. Und er fügt noch hinzu: „Das heißt aber nicht, dass der Trainer bei uns einen Persilschein hat.“

Kann sein, dass Union plötzlich Skrupel bekommen hat, einen Trainer ausgerechnet nach einem 3:0-Erfolg zu entlassen. Dann schöbe der Klub das Problem nur vor sich her. Bis zum nächsten Spiel in Fürth, vielleicht noch eine Woche länger. Votava sagt: „Ich hätte mir ab und zu mal etwas mehr Rückendeckung gewünscht.“ Jetzt spürt er nur noch Gegenwind. Sogar von Schlebrowski, der für sich in Anspruch nimmt: „Ich habe unseren Trainer immer gestützt, habe mich immer vor ihn gestellt. Ich hoffe, das honoriert er auch.“ Honorieren? Indem er einer Vertragsauflösung zu für Union günstigen Konditionen zustimmt? Auch finanzielle Gründe sollen ja schließlich mit ausschlaggebend dafür gewesen sein, den Trainer vorerst noch zu halten. Seinen Vertrag bis 2005 wird er indes kaum erfüllen dürfen.

Als Trainer-Nachfolger favorisieren die Köpenicker Frank Wormuth. Der frühere Profi von Hertha BSC, am 4. Mai 2003 beim SSV Reutlingen als Trainer beurlaubt, hält sich aus verständlichen Gründen bedeckt, was ein künftiges Engagement bei Union angeht. Ohnehin vertritt er die Ansicht: „ Jeder Trainer sollte sein Ding zu Ende machen.“ Unions Spiel gegen Aue hat Wormuth im Deutschen Sport-Fernsehen (DSF) verfolgt. „Union hat 3:0 gewonnen, lassen wir also den Trainer in Ruhe arbeiten“, sagt er.

Die Ruhe hat sich Mirko Votava ausdrücklich erbeten. Auf der obligatorischen Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Aue teilte der Trainer den verdutzten Journalisten mit: „Ich stehe in dieser Woche für Auskünfte am Handy nicht zur Verfügung.“

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