Sport : Keine Fans, kein Niveau

Klinisch rein und steril: Das Geisterspiel zwischen AS Rom und Bayer Leverkusen

Erik Eggers[Rom]

Die Schreie vom anderen Ende des Rasens hallten durch das weite Rund des Stadio Olimpico: „Haltet den Ball! Ran an den Mann!“ Mit dezibelstarken Rufen versuchte Torwart Hans-Jörg Butt, die Stürmer seiner Mannschaft an das Gebot der letzten Minuten in diesem wichtigen Champions-League-Spiel beim AS Rom zu erinnern – über rund 80 Meter hinweg. Bayer Leverkusen führte, da die Groteske allmählich dem Ende zustrebte, schließlich nach einem Tor von Dimitar Berbatow 1:0. Es lockte das Ende von zuletzt zwölf sieglosen Auswärtsspielen in Serie, noch dazu die Tabellenführung in der Gruppe B. Doch alles Hoffen half nichts, Rom kam in der Nachspielzeit noch durch Montella zum Ausgleich.

Auf Klaus Augenthaler wirkte das Geschehen besonders bizarr. Der Leverkusener Trainer war 14 Jahre zuvor an gleicher Stelle vor 73 000 tobenden Zuschauern Weltmeister geworden. Am Mittwoch schaute er von seiner Bank auf 19 stumme Stewards, die auf der verlassenen Gegengeraden, der „Curva Tevere“, für Ordnung sorgen sollten. In der berüchtigten „Curva Sud“, von der aus die fanatischen Tifosi für gewöhnlich lautstarke Flüche auf den Gegner schleudern, verlor sich keine Menschenseele. Lediglich hinter ihm, auf der Haupttribüne, verfolgten rund 80 Menschen in dunklen Anzügen im VIP-Bereich, dahinter rund 100 akkreditierte Journalisten das Spiel. Die Uefa hatte dieses Geisterspiel angeordnet, nachdem der schwedische Schiedsrichter Anders Frisk im letzten Heimspiel der Römer gegen Dynamo Kiew von einer Münze getroffen zusammengebrochen war. In drei Wochen muss Rom gegen Real Madrid ebenfalls vor fast leeren Rängen antreten.

Zur Premiere gab es am Mittwoch ein Fußballspiel wie unter einem Reagenzglas: klinisch rein und steril, frei von äußeren Einflüssen, langweilig und trist. Das Gesamtkunstwerk Fußball gerät ohne die Begeisterung und Hingabe der Fans zu einem profanen Akt. Was nutzt das Tor Berbatows, diese einzige bezaubernde Miniatur während der gesamten 90 Minuten, wenn es nicht von Tausenden bestaunt, beklatscht und schließlich kommentiert und nach dem Stadionbesuch in den schönsten Farben wiedererzählt wird? Wenn es der Fan nicht aufsaugt und später in seiner Erinnerung verklärt? Es ist nichts wert. Selbst ein so außergewöhnliches Tor versinkt dann in dem Ozean der statistischen Daten.

Kein Wunder, dass ein derart entladenes Spiel zunächst niveauarm dahingeplätschert war. Ein paar Distanzschüsse, einer davon durch Montella an den Außenpfosten – das war’s. Erst in den letzten zwanzig Minuten wurde es lebhafter. Nach der ungeahndeten Tätlichkeit von Regisseur Totti, der in Minute 72 mit den Stollen zuerst auf den am Boden liegenden Ramelow gesprungen war, erwachte diese Begegnung aus ihrem Tiefschlaf. Die Spieler waren außer sich. „Totti hätte vom Platz fliegen müssen“, sagte Augenthaler, „der Ball war längst weg, unter ihm war nur der Ramelow.“ Im Kabinengang ging Totti dann auf Robson Ponte los, das Temperament ging mit dem Regisseur trotz der Leere auf den Rängen durch. Was hätte er wohl noch in einer vollbesetzen Arena angestellt? Vielleicht hatte der Ausschluss der Zuschauer doch etwas für sich.

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