Sport : Keine Flecken, Dieter!

Nach zehn Minuten ist eines klar: Die Verpflichtung von Hans Meyer als Hertha-Trainer ist ein Medienerfolg

Michael Rosentritt

Berlin. Nach dem offiziellen Teil präsentiert sich der Trainer als Mensch Hans Meyer. Der 61-Jährige erzählt in kleiner Runde einen Witz, „einen echten Frauen-Witz“, wie er sagt. Der Witz ist eben kein Brüller, aber darauf kommt es nicht an. Seit Wochen erzählen sie sich bei Hertha keine Witze mehr, höchstens werden welche über Hertha BSC, den selbst ernannten Aspiranten für die Champions League, der am Abstieg steht, gemacht. Dann presst Meyer seine Collegemappe an seinen Körper und verschwindet in der Geschäftsstelle des Vereins.

Die Tür zur Geschäftsstelle bleibt nicht zu. Den ganzen Vormittag schon laufen hier freudig erregte Leute durcheinander wie vor einer Gehaltserhöhung. Und auch viele Medienmenschen sind aufgeregt über diese Trainerverpflichtung, die der Tagesspiegel schon am Samstag öffentlich gemacht hatte. Es wird viel Kaffee getrunken, es wird gescherzt und viel getuschelt unterm Medienvolk. Mancher erzählt eine Geschichte aus Hans Meyers frühen Trainertagen. Kleine Anekdoten machen die Runde. Einer der Angestellten von Hertha redet gar von „einem Ruck durch den ganzen Verein“, den die Verpflichtung des früheren Gladbacher Trainers aus Thüringen ausgelöst haben soll.

Klimawechsel. Draußen ist es kalt, es nieselt. 60, 70 Journalisten warten darauf, dass Meyer kommt. Neun Fernsehteams und noch mal so viele Fotografen haben sich vor dem Podium aufgebaut. Selbst Hans-Georg Felder, der Pressesprecher, der schon seit Jahren hier ist, aber jetzt als Erster durch die Tür kommt, wird abgelichtet wie ein Filmstar. Jetzt kommt Dieter Hoeneß, aber dann, dann geht die Sonne auf. Hans Meyer kommt. Der humorige Guru, der Trainer, der Retter, der eigentlich gar nicht mehr trainieren und retten wollte. Da hätte Real Madrid anrufen können, aber das tat Dieter Hoeneß. „Ich brauchte nur seine Frau zu überreden.“ Deswegen also ist Hans Meyer („Sie hat mich aus dem Garten geschickt“) hier. „Ich bin ein typischer Wendehals.“

Hans Meyer trägt schwarz satt und wirkt auch sonst ein wenig so wie Johnny Cash. Er ist groß und massig, aber auch freundlich und warm. Meyer findet, dass er nach sieben Monaten Pause und seinem Engagement beim Fernsehen (DSF, Viererkette) „viel, viel besser aussehe“. Die Medienleute juchzen. An seinem Jackettkragen blinken die Sticker der beiden Hauptsponsoren von Hertha. Eine Vereinskrawatte trägt Meyer nicht.

Einer der Helfer aus der Geschäftsstelle öffnet dem Neuen eine Flasche Eistee. Hoeneß trinkt nichts. Meyer setzt seine Lesebrille auf, dann wieder ab, und auf, und ab. Sie baumelt um seinen Hals an einer schwarzen Kordel. Hoeneß redet. „Wir wollen mit Hans Meyer die Klasse halten. Wir wissen, was zu tun ist, um dieser bedrohlichen Situation zu entkommen und haben uns deshalb für die erste Option entschieden“, sagt Herthas Manager. „Wir sind davon überzeugt, mit ihm am ehesten die Zielsetzung zu erreichen.“ Andreas Thom wird dabei Meyer als Assistenztrainer zur Seite stehen.

Die Präsentation wird live im Fernsehen gezeigt. Jetzt redet Meyer. Erst ein wenig stockend, dann zieht er das Tempo an, verhaspelt sich fast, trifft aber den Punkt und findet immer das Ende – so, wie man ihn auch aus dem Fernsehen kennt. Meyer weiß, wie er wirkt. Schon nach zehn Minuten ist er in Berlin ein Medienerfolg.

Ein Reporter, der auf dem Podiumstisch sein Aufnahmegerät von Hoeneß auf Meyer dreht, stößt dabei die geöffnete Eisteeflasche um. Hoeneß zuckt zurück, Meyer hilft aus mit einem Bonmot. „Es gibt auch einige von der Presse, mit denen ich nicht so kann.“ Während Hoeneß noch immer mit dem Schicksal hadert („Geben Sie hier unten langsam Ruhe?“), löst Meyer mit Charme die Situation. „Es gibt keine Flecken, Dieter!“

Meyer redet viel und sagt oft „Dieter“. Eingelassen habe er sich auf Hertha, „weil der Dieter in einer unglaublichen Art und Weise hartnäckig war“. Meyer bleibt nur fünf Monate. Die Situation sei „vertrackt und kompliziert“ und habe „alle Beteiligten hilflos wirken“ lassen. Am 22. Mai, dem Tag des letzten Saisonspiels gegen Köln, werde er zehn Minuten später Berlin verlassen und wieder nach Bad Hersfeld verschwinden. Seine Situation sei vergleichbar mit einem „Mittelstürmer, der fünf Meter vor dem Tor frei zum Schuss kommt, sich in Gedanken schon feiern lässt, sein Trikot auszieht und doch nicht trifft“. Andernfalls sehe „ich mich von euch auf Händen durchs Brandenburger Tor getragen“.

Mittlerweile hat die Stimmung im voll besetzten Raum ihren Höhepunkt erreicht. Hans Meyer ist in glänzender Form, er spitzt den Mund, sagt hübsche und unbequeme Wahrheiten, und nebendran sitzt „der Dieter“, der gelegentlich feixt und ab und zu mit dem Kopf nickt. Wird er an die vielen zähen Veranstaltungen im selben Raum denken, bevor dieser Meyer kam?

Hans Meyer werde „bestimmt den richtigen Ton und die richtigen Worte zur Mannschaft finden“, sagt Hoeneß und wirkt dabei, als habe er einen 26-Punkte-Trainer eingekauft. Das ist so ziemlich die Anzahl von Punkten, die Hertha gegen den Abstieg benötigt, nachdem der „26-Tore-Sturm“, den Hoeneß im Sommer eingekauft zu haben glaubte, bisher nur drei Tore schoss. „Schaffen wir es, Dieter, hast du ein Schnäppchen gemacht. Wenn nicht, hast du ’ne Menge Geld zum Fenster rausgeschmissen.“

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