Keine Förderung mehr : Deutscher Reitsport: Nicht mehr fest im Sattel

Erst Dopingvorwürfe, dann Kaderauflösung – die Sporthilfe setzt ihre Förderung für den Reitsport aus.

Anke Myrrhe

Berlin - Die erste Reaktion war emotional. „Das ist doch unfair“, dachte Nadine Capellmann, als die Dressurreiterin von der Auflösung ihres Bundeskaders wegen öffentlich gewordener Dopingfälle hörte. Analog zu jenen der anderen olympischen Disziplinen Springreiten und Vielseitigkeit hatte die Reiterliche Vereinigung (FN) überraschend die Nationalmannschaft der Dressurreiter aufgelöst. Nun werden die finanziellen Folgen bekannt: Die 24 Athleten, die bislang durch die Sporthilfe unterstützt wurden, bekommen vorerst keine Förderung mehr – ein Vorgang, den es bisher in keiner anderen Sportart gegeben hat.

Die Begründung ist einfach: Laut Satzung der Sporthilfe dürfen nur Kaderathleten gefördert werden. Wo kein Kader ist, darf kein Geld fließen. „Es hat rein formale Gründe, die wir bewusst nicht inhaltlich bewerten“, sagt Hans-Joachim Elz, der Sprecher der Sporthilfe. Erst wieder ausbezahlt werden kann die Förderung nach dem Bericht einer unabhängigen Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), die Ende Mai ihre Arbeit aufgenommen hat und über Sanktionen entscheiden soll. Gestern wurde allerdings bekannt, dass die Befragung der Athleten und Funktionäre erst Mitte Juli beginnen wird. „Die Einarbeitung bedarf Zeit“, sagt Dennis Peiler, Sprecher der FN. „Wir haben schließlich auch ein Interesse daran, dass die Kommission sorgfältig arbeitet.“ Wie lange die Prüfung dauern wird, will derzeit niemand abschätzen. Peiler machte aber deutlich, dass bis zur EM Ende August die Kader stehen müssen.

Ludger Beerbaum, der mit seinen Äußerungen über verbotene Praktiken (er habe die Haltung gehabt „erlaubt ist, was nicht gefunden wird“) die Kaderauflösung letztlich ausgelöst hatte, ist allerdings von der ausgesetzten Förderung gar nicht betroffen – wie die meisten seiner Springreiterkollegen. Die Dressur- und Vielseitigkeitsreiter sind viel stärker auf das Fördersystem der Sporthilfe angewiesen. Gerade die Springreiter, die vor allem von Dopinggerüchten umgeben sind, trifft die Kaderauflösung aber am wenigsten.

So kam es zur ersten Reaktion von Nadine Capellmann und ihrer Dressurkollegin Heike Kemmer, die nicht mit den Springreitern „in einen Topf geworfen“ werden wollte. Mit ein wenig Abstand sieht nun auch Capellmann die Dinge etwas anders. „Wenn wir einen sauberen Reitsport wollen, gibt es keine andere Möglichkeit, als jetzt alle gleich zu behandeln“, sagt sie nun. Die Mannschafts-Olympiasiegerin von Peking, die selbst keine Förderung erhält, hofft, „dass niemand, der auf die Fördermittel angewiesen ist, jetzt einen ernstlichen Karriereknick erleidet“.

Hans-Joachim Elz aber beruhigt: „Wir gehen davon aus, dass keiner der geförderten Athleten verdächtig ist und alle wieder in den Kader aufgenommen werden.“ In diesem Fall wird der ausgefallene Betrag zurückgezahlt. „Und wenn ein Sportler akute Probleme hat, werden wir eine individuelle Lösung finden.“

Wie Doping den Reitsport prägt: S. 8

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