Sport : Keine Hand mehr am Ball

Volker Zerbe wird beim Allstar-Game in Berlin ausgezeichnet und verabschiedet

Hartmut Moheit

Berlin - Was in Lars Kaufmann vorging, als er mit einem Sprungwurf über Volker Zerbe hinweg ein Tor werfen wollte, wusste er selbst nicht. „Eigentlich ist mir klar, dass es nicht funktioniert“, sagte der Handballer aus Wetzlar nach dem Allstar-Game der Nationalmannschaft gegen eine Bundesliga-Auswahl. In der 31. Minute hatte sich der 2,11 Meter große Zerbe jedenfalls nur kurz gestreckt und den Ball locker geblockt. Es war nur eine jener Szenen, mit denen er sich in der Max-Schmeling-Halle vor 5750 Zuschauern endgültig vom aktiven Sport verabschiedete. Beim 37:36 der Nationalmannschaft zeigte der Linkshänder noch einmal sein Können. „Ich bin an meine Grenzen gegangen“, sagte Zerbe schließlich den Fans. Ende Juni wird er 38 Jahre alt.

Einen Tag nach der großen Abschiedsfeier im heimischen Lipperland, wo er seit 1984 für den TBV Lemgo spielte, hatte er noch Luft für zweimal 15 Minuten. Das aber reichte aus, dass zum Beispiel der unter anderem von ihm bewachte Nationalmannschafts-Kreisspieler Andrej Klimowets wegen Erfolglosigkeit von Bundestrainer Heiner Brand ausgewechselt wurde. Im Januar erwartet Brands Team als Gastgeber der Weltmeisterschaft eine sehr schwere Aufgabe, auch weil die gleichwertigen oder noch besseren Nachfolger der so genannten „Goldenen Generation“ um Zerbe, die nach Olympia 2004 zurücktrat, noch fehlen.

Ein wenig wehmütig verfolgte Brand den letzten Auftritt von Zerbe, den er als „komplettesten Spieler“ bezeichnete. „Er ist in Abwehr und Angriff gleichermaßen stark, von hoher Intelligenz, und seine Kreisanspiele sind Weltklasse.“ Vor fünf Jahren, als er erstmals aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war und ein Comeback wahrscheinlich wurde, hatte Brand gesagt: „Volker Zerbe würde ich eigenhändig zur Europameisterschaft tragen.“ 2002 gewann er dann EM-Silber. Zerbe hat es auf 292 Länderspiele und 583 Bundesliga-Einsätze gebracht, war unter Brands Regie zudem Olympia- und WM-Zweiter sowie Europameister. Zum Abschluss seiner Karriere holte er mit Lemgo den EHF-Pokal.

In Berlin wurde ihm die Auszeichnung „Lebenswerk Handball“ verliehen. Zuvor waren nur Andreas Thiel, Jochen Fraatz, Magnus Wislander, Stefan Hecker, Heinz Jacobsen und Klaus-Dieter Petersen derart geehrt worden. Nahezu emotionslos bedankte sich Zerbe bei den Fans, winkte ihnen mit ernstem Gesicht zu. Erst als ihm die Kollegen auf dem Parkett gratulierten, da lachte auch er. Unter Seinesgleichen fühlt er sich nach wie vor am wohlsten. Als zukünftiger Sportlicher Leiter des TBV Lemgo bleibt ihm dieser Kontakt auch erhalten. „Ich war immer ein Teamspieler und recht unkompliziert in ein bestehendes System zu integrieren“, sagte Zerbe am Montagabend. Das klang immer noch so, als hätte es die Verabschiedung zuvor nicht gegeben.

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