Sport : Keine Lust auf Prügel und Parolen

Spielverlegung bei Roter Stern Leipzig.

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Berlin - Knapp zwei Jahre ist das Skandalspiel her, seine Nachwirkungen sind aber immer noch zu spüren. Im April 2010 war der alternative Fußballklub Roter Stern Leipzig beim SV Mügeln/Ablaß 09 von rund 80 Zuschauern so lange mit rechtsradikalen Parolen beschimpft worden, bis der Schiedsrichter die Partie in der sächsischen Bezirksklasse abbrach. Am kommenden Sonnabend sollten die Leipziger erneut in Mügeln antreten, beide Vereine einigten sich aber darauf, die Begegnung nach Leipzig zu verlegen und als Heimspiel von Roter Stern auszutragen. „Die Polizei hatte die Befürchtung, dass rechte Gruppierungen das Spiel zum Anlass nehmen würden, um dort aufzutauchen und die Konfrontation zu suchen“, sagt Mügelns Vereinsvorsitzender Jan Greschner.

In einer gemeinsamen Erklärung der beiden Vereine heißt es: „Da die Anzahl der ungebetenen Besucher und das Ausmaß ihrer Störungen nicht abzuschätzen ist, ist es dem SV Mügeln-Ablaß 09 unmöglich, wirksame Maßnahmen gegen diese nazistischen Störer zu ergreifen und alle friedlichen Zuschauer entsprechend zu schützen.“ Ursprünglich hatte der Klub den Plan, nur personalisierte Eintrittskarten auszugeben und somit alle etwaigen Störer auszuschließen. Laut Greschner habe die Polizei aber auch Auseinandersetzungen abseits des Spielfelds befürchtet.

Roter Stern war in der Vergangenheit mehrfach Opfer von Angriffen oder Pöbeleien im Leipziger Umland, im Oktober 2009 wurden zwei Leipziger Zuschauer bei einem Angriff mehrerer Rechtsradikaler in Brandis schwer verletzt. „Der lokale Nazi-Pöbel kommt immer noch bei unseren Spielen vorbei, direkte körperliche Auseinandersetzungen sind zuletzt aber ausgeblieben“, sagt Adam Bednarsky, Geschäftsführer von Roter Stern. „Dazu ist die Polizei aber auch zu präsent.“ Der Verein aus der linken Leipziger Szene reist in der siebten Liga mit bis zu 200 Fans zu seinen Auswärtsspielen, die von der Polizei bisweilen mit einer ganzen Hundertschaft gesichert werden. Laut der Polizeidirektion Westsachsen war eine Verlegung des Spiels auch deshalb sinnvoll, da am Sonnabend eine Demonstration in Leipzig den Einsatz vieler Beamter erfordert.

Die Einnahmen aus dem Spiel spenden Roter Stern und der SV Mügeln/Ablaß an einen linken Fußballverein im weißrussischen Minsk sowie an vier Kindertagesstätten in Mügeln. Als Kapitulation vor der starken rechten Szene im Leipziger Umland wollen die Klubs ihre Entscheidung aber nicht verstanden wissen – es geht ihnen vielmehr darum, Geschlossenheit zu demonstrieren. „Wir können alle gut miteinander, es gibt keine Kluft“, sagt Mügelns Vorsitzender Greschner. „Wir sind auf der Seite des Roten Sterns, was das Engagement gegen Rassismus angeht.“ Laut Adam Bednarsky soll das nächste Spiel „gestärkt und vereint“ wieder in Mügeln stattfinden. „Wir versuchen, Normalität reinzubekommen“, fügt Jan Greschner hinzu. „Hartnäckigkeit ist der Schlüssel.“ Lars Spannagel

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