Sport : Keine Übung ohne Wackler

Die deutschen Turner tun sich schwer bei der WM in Amerika

Jürgen Roos

Anaheim. Im Staples Center von Los Angeles ging am Wochenende ein verrückter Wettbewerb zu Ende: Bei den so genannten X-Games zeigten Skateboarder, BMX-Fahrer und Motocross-Fahrer Salti, Schrauben und andere hohe Sprünge. Eine Pflichtveranstaltung für die kalifornische Jugend. Die gesetzteren Sportfans trafen sich derweil ein paar Kilometer weiter bei der Turn-WM im Arrowhead Pond von Anaheim. Dort lieferte der Mannschaftswettkampf der Männer ein Beispiel, dass es auch im Turnen dramatisch zugehen kann. Die Riege des Deutschen Turnerbundes (DTB) versagte an entscheidenden Stellen – und hatte trotzdem noch geringe Chancen im Rennen um die Olympia-Qualifikation (der Wettkampf war bei Redaktionsschluss noch nicht beendet).

Die deutschen Turner machten nach ihren miesen 219,132 Punkten nicht den Eindruck, als ob sie überhaupt noch irgendetwas interessierte. Blass saßen sie in der Halle, enttäuscht über einen Wettkampf, den sie sich anders vorgestellt hatten. Kurz nach ihrem eigenen Durchgang mussten sie davon ausgehen, dass es das war. Zwei Durchgänge später sah die Sache ein bisschen anders aus: Weil sich die Weißrussen aus Verletzungsgründen mit zwölf Hundertstelpunkten hinter den Deutschen einreihten, waren die Chancen von null auf ein paar Prozent gestiegen.

An der enttäuschenden Leistung der deutschen Riege war jedoch nicht zu rütteln. Allein der Stuttgarter Thomas Andergassen und der 15-jährige Fabian Hambüchen (Wetzlar) boten Normalform. Sven Kwiatkowski (Chemnitz) und Stephan Zapf (Haslach) fielen ab. Ronny Ziesmer (Cottbus) und Christian Berczes (Halle) wollten diesen Wettkampf am liebsten aus ihrem Gedächtnis streichen. Unter dem Druck, die Olympischen Spiele 2004 in Athen unbedingt erreichen zu müssen und damit den Absturz des Turnens in die internationale Drittklassigkeit zu verhindern, ging eine um die andere Übung schief – am Ende hatten die deutschen Geräteturner neun Noten unter neun Punkten in der Mannschaftswertung.

Negativer Höhepunkt: Obwohl die Deutschen das Reck nicht verlassen mussten, gelang keine Übung ohne Wackler. Diese blamable Vorstellung hinterließ Ratlosigkeit. „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, sagte Sven Kwiatkowski, mit 26 Jahren der Erfahrenste in der Riege. Wolfgang Willam, der Sportdirektor des Deutschen Turnerbundes (DTB), sagte: „Das Ergebnis steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, der getrieben wurde.“ Im Trainingslager in Kienbaum hatten sich die Turner vier Wochen lang gequält, intensiver als je zuvor und in seltener Harmonie. Dass mehr drin gewesen wäre, zeigten die 38,324 Punkte der DTB-Riege an den Ringen. Damit stießen die Athleten an diesem Gerät unter die Top Five vor, aber es ging ja auch um nichts mehr.

Danach herrschte trübe Stimmung. Und alle Beteiligten beschäftigten sich nicht nur mental mit den Folgen der möglicherweise verpassten Olympia-Qualifikation. „Das Männerturnen wird von der Förderstufe drei in die Förderstufe vier abrutschen“, sagte der DTB-Präsident, „uns steht ein schwieriger Prozess bevor.“ Trainerstellen könnten gestrichen werden, Fördergelder in jedem Fall. Der Cheftrainer Andreas Hirsch schloss einen sofortigen Rücktritt aus. „Mein Vertrag läuft bis 2004, und ich werde nicht vorzeitig aussteigen“, sagte er. Und der extrem schnell von einem Kreuzbandriss wieder genesene Thomas Andergassen dachte sogar an seine medizinischen und sonstigen Betreuer. „Speziell für mich haben viele Leute viel getan, um die tut es mir Leid“, sagte er. Nur einer wollte auch die letzte theoretische Chance nicht vergessen lassen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagte Stephan Zapf. Es klang wie die inständige Bitte, dass die Gesetze der Schwerkraft auch für die anderen Turner gelten mögen.

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