Sport : Keine Zeit für Hass

In einem gemeinsamen Fußballteam zeigen junge Israelis und Palästinenser, wie respektvolles Zusammenleben funktioniert

Daniel Pontzen[Oberhaching]

Der junge Soldat hatte eigentlich nur helfen wollen. Eine Frau war angeschossen worden, er hatte einen Krankenwagen gerufen, doch während er die Unfallstelle sicherte, fiel der Schuss, aus dem Nirgendwo, doch er traf ihn, mitten ins Herz. Der Krankenwagen, den er bestellt hatte, transportierte nun ihn ab, 15 Tag lag er im Koma. Drei Jahre ist das her, er ist durchgekommen, aber er hat einen schweren Gehirnschaden davongetragen. „Er ist ein anderer Mensch geworden“, sagt Mor über den engen Freund seiner Familie, eine Mischung aus gefasstem Schmerz und Ernsthaftigkeit friert seine feinen Gesichtszüge ein. Mor ist sechzehneinhalb, mehr Junge als Mann. Er streicht sich langsam über die kurzgeschorenen Haare, als er von jenem Tag erzählt, an dem der Freund Opfer eines Attentats wurde, und er wirkt, als durchlebe er alles noch einmal, hier im Billardraum der Sportschule Oberhaching, vor den Toren Münchens.

Viele der 12- bis 17-jährigen Jungs haben solche Geschichten zu erzählen, oder ihre Betreuer, die an diesem Wochenende von Tel Aviv aus nach München geflogen sind, Israelis und Palästinenser, die meisten aus Netanya und Ost-Jerusalem, vereint in der Mannschaft des Peres Center for Peace. Es gibt kaum jemanden, so scheint es, dessen Familie nicht irgendwie betroffen ist von dem ewigen Kampf um Land und Gerechtigkeit, der beide Völker seit Jahrzehnten zermürbt. Es wäre nachzuvollziehen, wenn sie einander hassten, gerade die Jüngeren, oft bekommen sie nichts anderes vorgelebt, der Hass ist das Erbe der Erwachsenen.

Mor und sein palästinensischer Abwehrkollege, Mohammed, hassen sich nicht, sie sind dafür viel zu beschäftigt, sie müssen die Viererkette ihrer Mannschaft organisieren, auf Platz sieben der Sportschule. Der Name des Friedenszentrums ist auf ihre Trikots geflockt, sie dribbeln und grätschen im Auftrag der Verständigung. Das klingt sehr pathetisch, aber sie haben keine Probleme mit Pathos: „Zwischen uns ist Liebe und Hoffnung“, hat Nati, 17, vorhin erklärt, in brüchigem Englisch, aber mit fester Stimme. Nati ist ein guter Linksaußen, er schlägt brauchbare Flanken und hat einen guten Antritt. Er will ins israelische Nationalteam, irgendwann, und bis dahin will er trainieren, wie heute. Es ist ordentlich Zug in dem Übungsspiel, jeder will sich empfehlen, am Montag geht es in der Allianz-Arena gegen die U17 der Bayern, vor 66 000 Zuschauern (siehe Kasten).

Der Trainingsplatz ist frisch gemäht, an der Außenlinie stehen drei Polizisten, in Zivil, alle tragen einen Knopf im Ohr, verkabelt mit einem Funkgerät, einer hält ein Fernglas in der Hand. Ein anderer schleicht zwischen Balustrade und angrenzendem Wald umher, mit Sonnenbrille und schusssicherer Weste. Man muss sich an diesen Anblick gewöhnen, normalerweise sind Rhythmische Sportgymnastinnen in Oberhaching zu Gast oder Schulklassen, aber nicht die Terrorabwehr.Ein paar Stunden vorher hatten die Beamten noch mehr zu tun, mit Blaulicht eskortierten zwei Polizeimotorräder den Bus der jungen Mannschaft zum Trainingsgelände des FC Bayern.

Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, hatte die Reisegruppe willkommen geheißen, in tapferem Englisch, man möge sich bitte wie zu Hause fühlen. Einige haben das sehr wörtlich genommen, beim Rundgang durch die Kabinen haben zwei Jungs den Spind von Michael Ballack geöffnet, sie werden die Erkenntnis mit nach Hause nehmen, dass auch Weltstars unordentliche Menschen sein können. Die Katakomben an der Säbener Straße geben einen Vorgeschmack auf Montag, wenn sie im „wahrscheinlich schönsten Stadion der Welt“ spielen dürfen, in der Arena des „erfolgreichsten Vereins der Republik, der FC Bayern hat sehr viele Titel geholt, letztes Jahr die nationale Meisterschaft und den Pokal“, wie Rummenigge nicht zu erwähnen vergisst.

Es ist ihm ehrliche Freude anzumerken über den Besuch, er hat gute Erinnerungen an Tel Aviv, es sei eine der schönsten Champions-League-Reisen gewesen, vergangenen Herbst. Er habe da zwar vor jedem Restaurant-Besuch durch so einen Metall-Detektor gehen müssen, aber eines sei ihm aufgefallen, diese Lebensfreude, die dort alle ausgestrahlt haben, trotz allem, das sei auffällig gewesen.

Ilan Knafo ist einer dieser lebensfrohen Menschen, der kleine Mann mit brauner Haut und schwarzen, kurzen Haaren lacht oft, und die kleine Wölbung seines Trikots deutet darauf hin, dass er weltlichen Genüssen nicht abgeneigt ist. Ilan, 37, stammt aus Kiriyat Gat, nicht weit weg von Gaza, er ist einer der Betreuer der Mannschaft, die vor vier Jahren ihr erstes Spiel hatte und einmal im Monat zusammen trainiert. Über den Konflikt reden sie nicht oft innerhalb der Mannschaft, die Jungs seien hier, um Spaß zu haben, zum Fußballspielen. Aber klar, eine Meinung habe jeder, gerade jetzt, er sei zum Beispiel einer von den Blauen.

Vergangene Woche hat die Regierung den verordneten Abzug der Siedler aus dem Gaza-Streifen bestätigt und das ohnehin geteilte Land wie mit einer Spaltaxt in zwei weitere Lager zerlegt. Die einen tragen Blau, Schleifen an den Autoantennen, T-Shirts oder Schals, die anderen Orange. Blau bedeutet: pro Abzug. Es sei hart für die betroffenen Familien, die ihr Zuhause aufgeben müssten, aber nur so sei auf Dauer Frieden möglich, findet Ilan. Seine Frau sieht das anders, sie sei eine von den Orangefarbenen. Selbst in Familien gehen die Meinungen auseinander. Das ist Israel, sagt Ilan. Er zuckt mit den Schultern und lächelt verlegen. Er hatte übrigens Glück, dass die Reise nach München jetzt stattfindet, Ende Juli. Wenn er zurückfliegt nach Israel, muss er einen Monat lang zur Armee. Nach Gaza, nicht in Blau, nicht in Orange, sondern in Tarnfarben.

Es ist ein wenig abgekühlt in Oberhaching, die Sonne spendet ihre letzten Strahlen. Mor organisiert immer noch seine Abwehr, mit Übersicht, er lässt kaum Chancen für den Gegner zu. Auf den Nebenplätzen haben die Mannschaften ihre Spiele beendet und sind zum Abendessen in den komfortablen Funktionsbau zurückgekehrt, es sind viele Teams zu Gast hier, es ist Trainingslagerzeit. Nur über Platz sieben schwirrt immer noch dieses schrille Stimmengewirr, hebräische und arabische Wortfetzen, wenn sich noch ein paar orientalische Töne dazu mischten, klänge es wie auf einem Basar.

Wie verstehen sich die Jungs eigentlich? Sie sind ja schließlich hier, um Verständigung zu demonstrieren, wie soll das funktionieren, wenn sie nicht mal dieselbe Sprache sprechen? „Einige verstehen ein bisschen von der jeweils anderen Sprache“, sagt Ilan und überlegt einen Moment, aber das sei es nicht, die Verständigung funktioniere anders. Dann lächelt er, und sein Lächeln kündigt einen Satz an, der ihm gut gefällt. „Unsere Sprache ist der Fußball“, sagt Ilan. Unter normalen Umständen klänge das kitschig.

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