Sport : Keine Zeit für Kinderkram Siegeswille prägt den Schwimmer Biedermann

Frank Bachner

Berlin - Mark Warnecke kippte eine Plastikflasche und schüttete Wasser über zwei Badeanzüge. Am einen perlte das Wasser ab, der andere sog es auf. Warnecke musste den tragen, der Wasser aufsog, weil er vom Verbandsausrüster kam. „Damit kann man nicht schnell schwimmen“, knurrte Warnecke, das wollte er mit dem Test beweisen. Einen Tag später verpasste er, der Titelverteidiger, bei der Schwimm-Weltmeisterschaft 2007 in Melbourne das Finale über 50 Meter Brust. Alle deutschen Schwimmer verfluchten bei der WM den Anzug. Reihenweise verpassten sie die Finals, als Eindruck blieb: Der Anzug war schuld, vor allem der Anzug. Nur Paul Biedermann sagte fast flehentlich: „Ich möchte bitte nicht über den Anzug reden.“ Kinderkram, signalisierte sein Blick. Biedermann kam ins Finale, Biedermann wurde Siebter über 200 Meter Freistil.

Die Szene sagt viel aus über Paul Biedermann. Sie sagt auch viel aus über die Gründe, aus denen Biedermann, 21 Jahre alt, aus Halle an der Saale gerade Europameister über 200 Meter Freistil in Eindhoven wurde. In 1:46,59 Minuten, deutscher Rekord. „Er hat einen ungeheuren Glauben an sich und einen enormen Siegeswille“, sagt Manfred Thiesmann, der Bundestrainer. Biedermann kniff nicht vor den starken Gegnern bei der EM, er suchte die Herausforderung. „Ich will hier beweisen, dass ich schnell schwimmen kann“, sagte er.

Er steigerte seine Bestzeiten zwischen Vorlauf und Finale um mehr als eine Sekunde. „Geht man davon aus, dass er sich bei den Olympischen Spielen steigert, kommt er über die 200 Meter Freistil in einen interessanten Bereich“, sagt Thiesmann. Ins Finale heißt das erst mal. Das ist schwer genug bei Olympia. Schon im November 2007 hatte Biedermann auf der Kurzbahn den deutschen Rekord von Groß über 200 Meter Freistil um mehr als eineinhalb Sekunden verbessert. Mit Badeanzügen und solchem Kram, damit muss man Biedermann nicht kommen.

So etwas hatte ihn schon als Jugendlicher nicht interessiert. Wozu auch? Er gewann ja trotzdem reihenweise seine Rennen, und zwar so, dass er gleichzeitig noch die Konkurrenz demoralisierte. Auf den längeren Freistil-Strecken schob er sich immer erst auf den letzten 50 Metern an seinen Gegnern vorbei. Das steigerte sein Selbstbewusstsein ungemein. Mit dieser Taktik sammelte er 2004 bei der Jugend-EM drei Goldmedaillen.

Jetzt ist Biedermann angekommen in der Welt der Topathleten und eröffnet Thiesmann neue Perspektiven. Der ist operativ verantwortlich für die Staffeln, das Herzstück des deutschen Schwimmens. Nur die 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel der Männer, die hatte zuletzt eher statistische Bedeutung. „Aber wenn Paul in Peking am Start dort so stark ist wie hier“, sagt Thiesmann, „liegen wir nicht sofort zwei Längen zurück.“

Biedermanns besonderer Wert ist aber seine Rolle als Symbol. Wer vorne mitschwimmen will, der muss auch die harten Wettkämpfe mitnehmen, das lebt er vor. Biedermann startete ja auch im Januar in Peking. Ein übliches internationales Meeting, aber gut, um die Atmosphäre kennenzulernen. Aber nur 17 deutsche Athleten flogen mit. Für Biedermann lohnte sich der Tripp in jeglicher Hinsicht. Erstens gewann er über 200 Meter Freistil, zweitens lernte er die besondere Wettkampfatmosphäre in Peking kennen: Ein freiwilliger Helfer stand mit einem Mikrofon neben ihm in der Nähe des Startblocks und brüllte ihm ins Ohr, auf welchem Stuhl er sitzen musste.

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