Sport : Keine Zeit für Wehmut

Christian Hönicke wundert nicht, dass Schumacher schon vergessen ist

Christian Hönicke

Nun ist das erste Rennjahr nach Michael Schumacher Geschichte – und über den Mann, der die Formel 1 eineinhalb Dekaden lang geprägt hat, spricht kaum noch jemand. Dass der Rennsport ohne Schumacher nicht mehr lebensfähig sein würde, war allerdings ohnehin eine exklusiv deutsche Meinung. Verständlicherweise, schließlich haben seine Erfolge die Raserei hierzulande erst populär gemacht. Für den Rest der Welt stellte sich die Angelegenheit freilich etwas differenzierter dar: Die ständigen Siege des Kerpeners ermüdeten und frustierten die meisten schließlich. Sie konnten sich eine Formel 1 ohne den ehrgeizigen Deutschen sehr gut vorstellen.

Zu ihnen gehörte auch Bernie Ecclestone. Er wusste schon vor einem Jahr: „Die Formel 1 ist größer als der Einzelne.“ Der Grand-Prix-Boss hat, wie meistens, Recht behalten. Wenn er nun sagt, dass er Schumacher vermisse, sollte dies eher als kleine Geste in Richtung seiner deutschen Kundschaft denn als seine tatsächliche Meinung begriffen werden. Natürlich ist der Rücktritt jenes Piloten, der sein Produkt fast kaputtgesiegt hat, das Beste, was dem Briten passieren konnte. Er hat den Weg frei gemacht für eine bis zum Schluss spannende, teils chaotische Saison mit vielen verschiedenen Siegern, für neue Stars wie Lewis Hamilton, für jede Menge große und kleine Geschichten, so dass selbst die Deutschen die Trauer über den Abgang ihres Helden bald ablegten. Das schnellste Geschäft der Welt hat auch im Vergessen alter und Erschaffen neuer Helden eine unerreichbare Geschwindigkeit demonstriert.Seite 27

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