Sport : Keiner schießt schneller

Dank Michael Rösch gewinnt die Männer-Staffel die vierte Goldmedaille für die deutschen Biathleten

Hartmut Scherzer[San Sicario]

„Hundling“, klärte Pressesprecher Stefan Schwarzbach auf, „ist die höchste bayrische Auszeichnung.“ Ein Hundling sei eine Mischung aus Schlitzohr und Prachtkerl. Der eingebürgerte Bayer Ricco Gross aus Ruhpolding, ein gebürtiger Erzgebirgler, rief begeistert „Hundling“, als Michael Rösch beim Liegend- und beim Stehendschießen extrem schnell schoss und mit zehn Schüssen dennoch zehnmal traf wie ein Scharfschütze.

Bundestrainer Frank Ullrich stieß nach dem letzten „Pling“ einen Jubelschrei aus, machte einen Luftsprung und stieß die Faust in die Höhe, obwohl gerade erst der zweite Läufer unterwegs war. Doch nach Röschs Serie war der Weg zur Goldmedaille in der 4 x 7,5-Kilometer-Staffel für die deutschen Biathleten frei. „Micha war mit der Matchwinner“, sagte Ullrich über die Schießkünste des 22 Jahre alten Olympia-Debütanten aus Sachsen, der im Einzelrennen über 20 Kilometer noch sechsmal daneben geschossen hatte und nur 42. geworden war.

Der 35 Jahre alte Ricco Gross, schon Startläufer bei den Goldstaffeln 1992, 1994 und 1998, Rösch und die beiden aktuellen Einzel-Olympiasieger Sven Fischer und Michael Greis kamen nach insgesamt 30 Kilometern Laufen und achtmal Schießen mit 20 Sekunden Vorsprung vor Russland ins Ziel. Die Bronzemedaille gewann Frankreich.

Bundestrainer Ullrich behauptete, er habe nie Zweifel am Sieg gehabt, obwohl das vierte Gold für die deutsche Biathlon-Mannschaft in Turin „natürlich kein Selbstläufer“ gewesen sei. Insgesamt achtmal Nachladen und obendrein eine Strafrunde machten es zum Schluss noch einmal spannend, nachdem Gross, der gestern sein letztes olympisches Rennen lief, und Rösch Sven Fischer mit 24 Sekunden Vorsprung auf seine Runde geschickt hatten. Der Olympiasieger von Turin über 10 Kilometer musste nach dem Stehendschießen eine 150 Meter lange Strafrunde laufen, dennoch behauptete der Thüringer die Führung und übergab Greis für das Finale immer noch 18 Sekunden Vorsprung. Fischer hatte sich läuferisch völlig verausgabt.

Greis zog als letzter Läufer vorne allein seine Bahn. Als der Allgäuer nach einmal Nachladen auch die letzte Scheibe traf, stand der Sieg praktisch fest. Bundestrainer Ullrich hielt es nicht länger am Schießstand, er spurtete zum Ziel und umarmte unterwegs Gross und Rösch. „Michael Greis hat das Rennen mit einer Energieleistung nach Hause gefahren“, sagte der Bundestrainer. Doch der Held des Quartetts hieß Rösch, mit dessen Vater Eberhard der heutige Bundestrainer Frank Ullrich einst zu DDR-Zeiten gemeinsam in der Staffel gelaufen war und bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid Silber gewonnen hatte. „Kompliment und Hochachtung vor diesem Burschen“, sagte der Bundestrainer. „Er hatte sich nach dem 20-Kilometer-Rennen richtig schlecht gefühlt, hat aber die Woche genutzt und mein Vertrauen in diese Leistung umgesetzt.“

Auch der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, war von der Nervenstärke Röschs begeistert und machte den Trainern ein Kompliment, „das Wagnis vom Übergang von alt auf jung“ eingegangen zu sein.

Kurz vor dem Wettkampf war Rösch noch sehr aufgeregt gewesen. „Ich war unglaublich nervös, bin rumgehüpft wie Sau, von links nach rechts gelaufen und habe heute früh nur sinnlose Sachen gemacht.“ Sinnvoll war dann aber sicherlich, dass er sich an einen Laptop setzte und an dem Reaktionssystem seine Fähigkeiten trainierte.

Rösch nahm sich fest vor, „den ersten Schuss gleich zu setzen“. Das habe auch ganz gut funktioniert. „Deswegen habe ich beim Stehendschießen die Dinger nur noch rausgerotzt.“ Dann sei er bis zum Ziel „auf der letzten Rille“ gelaufen. Der Polizeimeister aus Zinnwald machte dabei eine neue Erfahrung: „Es war schwierig, alleine vorn zu laufen, weil ich mich nicht orientieren konnte.“

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