Kenias Langläufer Boit : "Dem anderen war es zu kalt"

Der 37-jährige Philip Boit ist der einzige Langläufer Kenias und wird bei der WM in Liberec bejubelt. Der ehemalige Leichtathlet bewarb sich auf die Anzeige eines Sportartikel-Herstellers als Langläufer.

Interview: Benedikt Voigt
Nordische Ski-WM - Langlauf Qualifikation
Vorletzter ist ein Grund zum Jubel. Philip Boit aus Kenia hängte bei der WM in Liberec im Sprint einen Läufer aus Venezuela ab.Foto: dpa

Herr Boit, darf man gratulieren, weil Sie am Dienstag bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im Sprint Cesar Baena aus Venezuela geschlagen haben und Vorletzter geworden sind?

Danke, man weiß ja im Langlaufen nie, was passiert. Jeder trainiert, und du betest, dass dein Körper am Morgen vor dem Rennen okay ist. Wenn ja, dann ist es dein Tag, dann schlage ich irgendeinen.

Am Sonntag bei der Verfolgung über 30 Kilometer war es nicht Ihr Tag. Warum mussten Sie nach einer Runde aufgeben?


Die Ski waren zu langsam, ich war in einem schrecklichen Zustand. Ich wollte versuchen, ob ich ungefähr drei Runden schaffe, bevor die anderen Jungs mich überrunden und ich das Rennen beenden muss. Aber die Ski waren wirklich schlecht. Auf dem Berg musste ich stoppen und den Schnee von den Ski entfernen. Wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre ich bei der Abfahrt gestürzt, weil es gebremst hätte. Meine Ski sind einfach falsch präpariert worden. Es hat mir wirklich leid getan, dass ich aufhören musste, weil die Zuschauer mich so toll angefeuert haben.

Sie haben sich verbeugt…


… weil ich den Zuschauern ein Zeichen des Respekts entgegenbringen wollte. Überall, wo ich laufe, werde ich bejubelt. Ich bin ein Champion hier.

Wer war für die falsch präparierten Ski verantwortlich?

Die finnischen Techniker. Sie helfen mir, weil ich in Finnland mit dem Langlaufen angefangen habe, ich habe dort gute Freunde. Aber das gesamte finnische Team ist am Sonntag gut gelaufen, deshalb weiß ich nicht, was mit meinen Ski los war. Ich war sehr enttäuscht, das war das schlechteste Rennen, seit ich mit dem Langlaufen angefangen habe. Sogar schlechter als bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998, als ich ein Anfänger war.

Wie sind Sie zum Langlaufen gekommen?


Ich war ein guter Mittelstrecken-Läufer, vor allem über 800 Meter. Vor Nagano hat eine große Sportartikelfirma Skilangläufer aus Kenia gesucht, die bei den Olympischen Spielen mitmachen. Ich habe mir gedacht, warum nicht? Aber ich wusste nicht, was mich erwartet. Ich habe sehr schlecht angefangen und bin immer hingefallen. Jetzt ist meine Lauftechnik in Ordnung, aber noch nicht gut. Ich arbeite daran.

Wie viele Skilangläufer hat Kenia?


Ich bin der einzige. Wir waren am Anfang zwei, aber der andere hat nach drei Jahren aufgehört.

Warum?

Er hat das kalte Wetter nicht gemocht.

Mögen Sie das kalte Wetter?

Es ist schwierig, manchmal ist es mir auch zu kalt. Aber ich bin es inzwischen gewöhnt.

Wissen die Menschen in Kenia überhaupt, was Skilanglaufen ist?


Die meisten nicht, aber mein Dorf und meine Familie schon. Sie haben meine Videos und viele Bilder gesehen. Und sie sehen mich dort auf Rollerski trainieren.

Gibt es Schnee in Kenia?

Nein.

Wie erklären Sie Ihrem Dorf dann, was das Weiße ist, worauf sie laufen?


Ich habe versucht, es zu erklären, aber sie verstehen es nicht. Meine Frau schon, sie hat mich im letzten Jahr in Oslo besucht. Sie hat auch versucht, Ski zu laufen, aber sie ist immer hingefallen. Mein Junge hat es auch versucht, und es ging sehr gut. Mein Junge wäre ein richtig guter Skilangläufer. Mit den Rollerski kann er schon Dinge, die ich nicht kann – zum Beispiel Springen. Er müsste nach Europa kommen und das richtig lernen, aber dafür ist er noch zu jung. Er ist erst zehn Jahre alt. Außerdem ist er auch im Laufen gut, er soll sich selber aussuchen, was er macht.

Wie heißt er?

Daehlie Boit. Ich habe ihn nach dem Norweger Björn Daehlie benannt, dem dreifachen Olympiasieger von Nagano, der mein Freund ist.

Wie geht es für das kenianische Einmannteam weiter?

Ich wollte eigentlich schon im November nach Europa kommen, aber ich hatte finanzielle Probleme. Das Kenianische Olympische Komitee und der Solidaritätsfond des Internationalen Olympischen Komitees sponsern mich, aber das Geld kam erst nach Weihnachten. Jetzt bleibe ich in Europa bis zu den Spielen in Vancouver 2010. Ich werde in Finnland trainieren und Wettkämpfe machen. Aber ich werde alt, die Spiele in Vancouver werden die letzten für mich sein. Danach werde ich wieder als Teilzeitbauer und Polizeioffizier arbeiten.

Dann wird das Jahr 2010 das Ende des kenianischen Langlaufs sein?

Ich versuche, ein paar Jungs auf Rollerski zu trainieren. Vielleicht bekomme ich ja Sponsoren und Unterstützung von meinen Freunden aus Europa, dann könnten diese Jungs in Europa zur Schule gehen. Und wer weiß, in 20 Jahren könnten wir Kenianer ganz gut im Skilanglauf sein.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben