Kerbers Wimbledon-Aus : Auch Steffi Graf hilft nicht

Angelique Kerber verliert gegen Agnieszka Radwanska 3:6 und 4:6 und verpasst das Finale in Wimbledon. Zu viele Fehler und eine konstant spielende Gegnerin verhinderten die erste deutschen Finalteilnahme seit 1999.

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Zu kurzer Ausfallschritt. Angelique Kerber verpasste das erste Grand-Slam-Finale ihrer Karriere.
Zu kurzer Ausfallschritt. Angelique Kerber verpasste das erste Grand-Slam-Finale ihrer Karriere.Foto: dapd

Am Tag vor Angelique Kerbers Halbfinale beim Tennisturnier in Wimbledon hatte Steffi Graf den All England Club besucht. Die siebenmalige Wimbledonsiegerin nahm sich die Zeit und suchte in der Abgeschiedenheit der altehrwürdigen Umkleideräume das Gespräch mit Angelique Kerber. Für die Kielerin erfüllte sich damit ein lang gehegter Wunsch, hatte sie doch zur besten deutschen Tennisspielerin aller Zeiten schon immer aufgesehen. „Ich kenne Steffi nur aus dem Fernsehen“, hatte Kerber gesagt. Und auch umgekehrt hatte Graf daheim in Las Vegas den Aufstieg der jungen Deutschen in den letzten Monaten „mit großem Interesse“, wie sie sagte, verfolgt und sich auch regelmäßig mit Bundestrainerin Barbara Rittner über Kerber ausgetauscht.

Eine halbe Stunde hatten Graf und Kerber zusammengesessen, und die Jüngere hatte sich darüber „gefreut wie ein kleines Kind“. Der Rat, den Steffi Graf ihr dabei für das anstehende Spiel gegen die polnische Nummer drei der Weltrangliste, Agnieszka Radwanska, gab, war denkbar simpel: Sie solle rausgehen, Spaß haben und ihre Bestes geben. Kerber beherzigte das, führte schnell mit einem Break Vorsprung – und unterlag am Ende doch mit 3:6 und 4:6. Damit bleibt es dabei: Seit Steffi Graf 1999 im Endspiel Lindsay Davenport unterlag, hat es keine Deutsche mehr ins Finale beim wichtigsten Turnier der Welt gebracht.

Dabei kannte Kerber ihre Gegnerin nur zu gut: Im letzten Jahr waren die beiden Halbfinalistinnen noch gemeinsam mit Caroline Wozniacki auf Mauritius im Urlaub gewesen, in der Bilanz stand es zwischen ihnen ausgeglichen 2:2, und ihre Duelle waren stets hart umkämpft. Doch Kerber hatte in den letzten Monaten eigentlich noch konstanter gespielt als die Weltranglistendritte. Mit 45 Siegen in dieser Saison kann keine Konkurrentin Kerber das Wasser reichen.

Am Ende war es aber auch ein Sieg der besseren Nerven: Radwanska hatte zuvor bei ihrem dreistündigen Viertelfinalmarathon gegen die Russin Maria Kirilenko gezeigt, dass sie nicht einmal diverse Regenpausen und Platzwechsel aus der Ruhe bringen können. So steckte sie es auch weg, dass Kerber sie im ersten Grand-Slam-Halbfinale ihrer Karriere gleich unter Druck setzte und mit dem Break zum 2:1 im ersten Satz in Führung ging. Die Polin wurde schnell sicherer, zog ihr wenig spektakuläres, aber enorm konstantes Spiel immer besser durch. Kerber agierte mit wuchtigen Vorhandschlägen, ging das höhere Risiko ein und machte dabei aber auch mehr Fehler. Im Grunde war Kerber die bessere Spielerin in diesem Match, aber Radwanska brachte stoisch einfach jeden noch so gut platzierten Ball wieder zurück.

„Ich habe mein Bestes gegeben, aber es war deprimierend, wie gut sie gekontert hat“, sagte Kerber folgerichtig im Anschluss. Nur einmal gelang es ihr, die Gegnerin im spektakulärsten Ballwechsel mit Lob und Stopp zweimal vor und zurück zu schicken,noch einen Smash hinterher zu feuern, bis Radwanska den Ball endlich ins Netz spielte. Kerber riss die Arme in die Höhe, hoffte auf die Wende, doch es sollte Radwanskas einziger Fehler in zweiten Satz bleiben. „Ich bin so glücklich“, jubelte die Polin nach dem Spiel, die als erste Vertreterin ihres Landes seit 75 Jahren in ein Wimbledon-Finale einzieht. „Es ist immer so schwer gegen Angie, und wir mussten unsere Freundschaft heute kurz vergessen.“ Im Finale trifft Radwanska auf Serena Williams. Die US-Amerikanerin setzte sich im zweiten Semifinale mit 6:3, 7:6 (8:6) gegen Viktoria Asarenka durch.

Kerber, der ihre erste Teilnahme an einem Grand-Slam-Finale einmal mehr verwehrt blieb, gab sich gefasst: „Mit diesem Match endet meine Karriere nicht.“ Die Chancen, dass Deutschland keine 75 Jahre auf sein nächstes Wimbledon-Finale warten muss, scheinen nicht zuletzt dank Angelique Kerber gut zu sein.

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