Kevin-Prince Boateng : „Hertha fehlen die Typen, höre ich“

Der Fußballprofi Kevin-Prince Boateng im Gespräch mit dem Tagesspiegel über England, Berlin und die Afrofrisur, die er sich zulegen will.

Kevin-Prince Boateng
Gab nach langer Zeit sein Debüt für Tottenham gegen Middlesbrough: Kevin-Prince Boateng. -Foto: ddp

Herr Boateng, Sie haben nach Ihrem Weggang von Hertha BSC bei Ihrem neuen Verein Tottenham Hotspur viel Zeit auf der Tribüne und der Bank verbracht. Haben Sie begonnen, an sich zu zweifeln?

Ich habe mit der Mannschaft trainiert, aber nur im Reserveteam gespielt. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig integriert zu sein. Manchmal war ich im Kader und wurde vor dem Spiel dann doch wieder gestrichen. Das war schwierig, da habe ich mir Gedanken gemacht: London ist eine schöne Stadt, mit meiner Familie ist alles wunderbar. Es ist alles gut, aber es fehlt etwas: das erste Spiel.

Haben Sie sich gefreut, dass Juande Ramos als Trainer für Martin Jol kam? Er wollte Sie vor der Saison nach Sevilla holen.

Ich dachte nur, dass nun jeder seine Chance bekommt, wie immer, wenn ein neuer Trainer da ist. Aber ich hatte Angst, dass Ramos sauer auf mich ist, weil ich damals nicht zu ihm gewechselt bin.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie gegen Middlesbrough zum Einsatz kommen?

Wir gingen vor dem Spiel spazieren. Ramos kam zu mir. Sein erster Satz war: Du spielst heute. Der zweite war: Wenn du nicht gut spielst, bringe ich wieder einen anderen. Das hier ist Profifußball.

Waren Sie mit dem Spiel zufrieden?

Für das erste Spiel war es okay. Ich war auf dem Platz, habe geredet, war integriert. Als ich heimkam zu meiner Frau, war ich immer noch voll mit Adrenalin.

Rechnen Sie damit, jetzt auch am Donnerstag im Uefa-Cup in Tel Aviv zu spielen?

Ich bin im Kader. Ich hoffe, dass ich meine nächste Chance bekomme.

Was ist anders am englischen Fußball? Warum tun sich viele frühere Bundesligaspieler hier so schwer?

Das Tempo. Es ist viel schneller als in Deutschland, es geht immer nur geradeaus nach vorn.

Warum kam dann Ihr früherer Hertha- Kollege Christopher Samba bei Blackburn gleich so gut klar?

Das ist sein Talent. Das britische Spiel ist perfekt für ihn. Er ist kräftig, kann tackeln, er ist schnell, kann hoch springen.

Haben Sie Kontakt?

Wir haben kurz gesprochen nach dem Spiel gegen Blackburn.

Auch über Ihre gemeinsame Zeit in Berlin?

Nein. Wir blicken nur nach vorn.

Glauben Sie, dass man Sie in Berlin vermisst?

Ja, das habe ich gehört. Freunde rufen mich an und sagen, dass Hertha die Typen fehlen. Manager Hoeneß hat alles dafür getan, dass die Spieler jetzt alle gleich sind. Alle Typen sind weg, Ashkan Dejagah, Zecke Neuendorf. Jetzt rufen mich Freunde an und sagen: Hertha braucht einen Typen. Ich sage dann: Das ist nicht mehr mein Problem. Ich spiele jetzt für Tottenham.

Sind Sie noch oft in Berlin?

Ich war zuletzt da, als wir wegen der Länderspielpause zwei Tage frei hatten. Ich bin jedes Mal glücklich, kenne die Straßen, die Leute. Ich sage nicht, dass London nicht schön ist. Aber Berlin ist meine Heimat. Nach meiner Karriere will ich auf jeden Fall dort leben.

Fehlt Ihnen etwas ganz speziell an Berlin – außer Freunden und Familie?

Currywurst.

Waren Sie schon feiern in London?

Ich hatte noch nicht wirklich Gelegenheit, weil meine Frau schwanger ist.

Jetzt sind Sie ein echter Hausmann?

Muss ich ja. Wir haben hier ja sonst keine Familie.

Und Freunde? Haben Sie im Team schon Freunde gefunden?

Jermain Defoe. Und Darren Bent. Ich sage immer, wir sind die „Drei von der Tankstelle“. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären, das mit dem Film, „the three from the petrol station“. Sie haben nicht gelacht und das nicht verstanden.

Wie passt das Hausmann-Dasein zum Image als hartes Weddinger Ghettokid?

Das ist vorbei, sobald ich den Schlüssel in die Haustür stecke. Dann bin ich der brave Ehemann.

Ein Hausmann, der auffällt. Was hat es mit Ihren Frisurwechseln auf sich?

Ich mache immer was mit meinen Haaren. Ich habe eine Wette laufen, mit meinem Teamkameraden Aaron Lennon. Fünf Riesen, dass ich mir nicht mehr die Haare schneide, bis mein Baby da ist. Sechs Monate noch.

Das wird ja ein ernsthafter Afro. Stört es Sie nicht, wenn Sie mehr über Ihren Stil als über Ihr Spiel wahrgenommen werden? Der „Observer“ schrieb jetzt, Sie hätten mit Ihrer Frisur überzeugt, aber seien spielerisch anonym geblieben.

Spiel und Image gehören zusammen. Ich spiele mal rau und hart, aber ich kann auch technisch spielen, mit Ballgefühl. Ich liebe es, einen guten Pass zu geben. Und so bin ich auch im Leben: rau, aber ich kann auch meine Gefühle zeigen.

Was sind denn Ihre weiteren sportlichen Ambitionen? Wie steht es um Ihre Ansprüche bei der U 21 – und darüber hinaus?

Ich bin die letzten paar Spiele nicht berücksichtigt worden, ich weiß nicht, warum. Nach meinem letzten Spiel in Frankreich rief Trainer Dieter Eilts mich an und sagte, dass ich nicht gut gespielt hätte und deshalb beim nächsten Spiel nicht dabei sei. Ich habe das nicht so gesehen. Jeder andere hat gesagt, dass ich gut gespielt hätte. Mein Ehrgeiz ist: U 21 spielen, Premier League spielen und eines Tages in der A-Nationalmannschaft.

Das Interview führte Markus Hesselmann. Eine ausführlichere Version finden Sie unter www.tagesspiegel.de/sport/

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