Das Bad-Boy-Image und die Perfektion eines Ronaldinhos

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Kevin-Prince Boateng im Interview : „Ich habe keine Angst“
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In Deutschland eilt Ihnen das Image des Bad Boys voraus. Das Foul an Michael Ballack, der Prozeß wegen der abgetretenen Autospiegel, der Karatetritt gegen Makoto Hasebe. Ein Trainer, der überhaupt keine Berührungsängste mit Ihrem Image hatte, war Jürgen Klopp, der Sie 2009 zum BVB holte.

Klopp ist einer, der sich sehr viel mit Menschen auseinandersetzt und in der Lage ist, Fehler zu verstehen und zu verzeihen. Ich habe in Dortmund in 14 Spielen sieben Mal auf der Bank gesessen und mich nicht einmal beklagt. Denn er hat es geschafft, jedem das Gefühl zu geben, dazu zu gehören.

Bei Borussia Dortmund wollten Sie unbedingt bleiben.

Dort herrschte 2009 extreme Aufbruchsstimmung. Jeder konnte erkennen, dass sich dort etwas entwickelt. Deswegen wollte ich auch unbedingt dort bleiben. Aber letztlich scheiterte es am Geld. Ein Tor fehlte zur Qualifikation zur Europa League – und so konnten sie mich nicht verpflichten.

Statt dessen avancierten Sie beim FC Portsmouth zum Führungsspieler. Trainer Paul Hart beorderte Sie ins zentrale, offensive Mittelfeld. Hat er Ihre positive Entwicklung in Gang gesetzt?
Ein Trainer kann einen Spieler nicht ändern, aber es gibt Leute wie Hart, die etwas in mir gesehen haben, was andere nicht gesehen haben und mir Vertrauen schenkten, auch Jürgen Klopp oder Avram Grant. Paul Hart ist ein Fußballer, der hat einfach gesagt: „Spiel, Junge, mach was du willst! Nur bitte keine Rote Karte.“

Muss man bei Ihnen immer dazu sagen, dass Sie keine Rote Karte herausfordern?

Natürlich nicht, ich habe in meiner Karriere vielleicht drei Platzverweise bekommen.

Drei?

Das Foul an Hasebe in Dortmund, zwei in Mailand und einen mit Hertha in der Europa League... Okay, vier!

Aber Sie gehören zweifellos zu den Spielertypen, die Freiheiten brauchen, um sich zu entfalten.

Schauen Sie Ronaldinho an. Ein Trainer kann doch froh sein, so einen Spieler im Team zu haben. Was will man dem noch beibringen? Der hat die absolute Perfektion, er braucht nur die Freiheit, sie auch ausspielen zu können.

Bilder aus der Karriere des Kevin-Prince Boateng:

Kevin-Prince Boateng: Bälle, Brillen und Tattoos
Großer Einsatz bei der UN-Konferenz am 21.März 2013 in Genf: Kevin-Prince Boateng und die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navanethem Pillay diskutieren über Rassismus im Sport.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dpa
27.08.2012 19:14Großer Einsatz bei der UN-Konferenz am 21.März 2013 in Genf: Kevin-Prince Boateng und die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navanethem...

Haben Sie diese Perfektion auch?

Sicher nicht. In Mailand stand er nach dem Training vor mir und ich bettelte: Mach‘ Tricks für mich. Er hat 15, 20 Minuten lang immer wieder neue Tricks gemacht – und nicht einen einzigen wiederholt. Er nimmt den Ball an der Mittellinie hoch und knallt ihn an die Latte des Tores, so dass er wieder zu ihm zurückspringt. Das Gleiche nochmal. Vor dem dritten Mal sagt er: „Wenn es wieder klappt, musst du mir einen ausgeben.“ Ich habe nur genickt und – zack – knallt er das Ding wieder an die Latte. Eine unglaubliche Gabe.

Kann man so eine Perfektion trainieren?

Nicht alles, aber manches. Zum Beispiel habe ich wesentlich an meiner Torgefährlichkeit gearbeitet. Von zehn Schüssen treffe ich jetzt acht Mal das Tor. Früher war die Quote schwächer.

Woran liegt es, dass die Halbwertzeit von Ausnahmespielern wie Ronaldinho oft nur kurz kurz ist?

Ich verstehe ihn zu einhundert Prozent. Er hat drei Jahre auf dem höchsten Niveau gespielt – und alles gewonnen. Was hat ein Mensch da noch für Ziele?

Aber das Leben geht doch weiter. Wünschen Sie sich nicht, in fünf oder sogar zehn Jahren noch auf diesem Niveau zu spielen?

Natürlich, aber Brasilianer stammen aus einem anderen Kulturkreis, bei denen gehört es einfach dazu, am Abend auch mal loszuziehen. Ein cleverer Trainer rät einem Ronaldinho sogar, einmal die Woche feiern zu gehen. Denn er weiß, dass Ronaldinho diese Freiheit auf dem Platz zehnmal zurück bezahlt. Natürlich sollte es nicht so sein, dass er sturztrunken in die Kabine torkelt, aber ein Ronaldinho, der sich wohlfühlt, schießt ein Team fast im Alleingang zum Gewinn der Champions League. Und dazu kommt das Finanzielle, denn auch da hat ein Spieler seiner Kategorie alles erreicht.

Hat ein Fußballer, der nur drei, vier Jahre Top-Niveau gespielt hat, wirklich für alle Zeiten ausgesorgt?

Ronaldinho hat unglaublich viel Geld verdient. Er lebt in einer Festung. Da muss jeder verstehen, dass er mit 27 Jahren sagt: Ich gehe es jetzt mal ein bisschen lockerer an.

Sie hingegen haben in letzter Zeit stark an Ihrem Körper und ihrer Fitness gearbeitet.

In Mailand habe ich am Anfang zwölf Kilo abgenommen, zwei habe ich inzwischen wieder an Muskeln zugelegt.

Wieso waren Sie so viel schwerer?

In England war es anders. Andere Ernährung, fettreicheres Essen. Und ich habe dort auch nicht immer wie ein Profi gelebt, dann nimmt man zwangsläufig zu. Dort lag ich zeitweise über 90 Kilo.

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