Kevin-Prince Boateng im Interview : „Ich habe keine Angst“

Kevin-Prince Boateng ist nach einer langen Reise angekommen im Weltfußball. Im großen 11-Freunde-Interview spricht er über die Irr- und Umwege in seiner Karriere, den Star-Rummel in Italien und über seinen Schulabschluss.

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Wegzeiger. Kevin-Prince Boateng weiß, wo es auf dem Fußballplatz langgeht.
Wegzeiger. Kevin-Prince Boateng weiß, wo es auf dem Fußballplatz langgeht.Foto: dpa

Kevin Prince Boateng, Sie gehen in Ihre dritte Saison beim AC Mailand. Fühlen Sie sich schon heimisch?

Mein großer Bruder sagt immer: „Leute aus Berlin sind wie Chamäleons, die passen sich an jede Umgebung an!“. Aber die Italiener haben es mir leicht gemacht, dass ich inzwischen Mailand meine, wenn ich sage, dass ich „nach Hause“ fahre.

Wie hat Mailand Ihnen die Ankunft erleichtert?

Es ist eine großartige Stadt und fußballerisch hat es von Anfang an geklappt. Die Menschen lieben mich, sie haben mich mit offenen Armen empfangen.

Die Bilder von Ihrem bejubelten "Moonwalk"-Auftritt im Mailänder Stadion bei der Meisterfeier 2011 gingen um die Welt.

Die Teamkollegen nennen mich „Popstar“, weil es immer wieder mal vorkommt, dass die Leute kreischen, wenn sie mich auf der Straße sehen. Aber ich lasse die Leute auch an mich heran, bin auch mal am Dom unterwegs. Ich glaube, die Leute spüren, dass ich nicht abgehoben bin.

Die Hysterie um Sie in Italien ist enorm. Sie sollen inzwischen sogar zwei Bodyguards haben.

Ich habe keinen Bodyguard, sondern nur einen Fahrer, der Erfahrung mit Menschen hat und ein bisschen auf mich aufpasst. Die Menschen in Italien sind fußballverrückt, das ist schon anders als in Deutschland. Es ist nicht ganz einfach, Shoppen zu gehen, es sind immer Leute hinter mir her. Aber ich weiß das sehr zu schätzen, denn ich kenne ja auch die Schattenseiten. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich manchen Menschen mit einem Foto den Tag verschönern kann.

Video: Ein italienischer Fernsehkommentator rastet völlig aus vor Boateng-Begeisterung

Lange Zeit war Ihre Karriere ein stetiges Auf- und Ab. Wie müssen wir uns das vorstellen, als Sie 2010 im Sommer zu einer Mannschaft kamen, die mit Superstars gespickt war: Andrea Pirlo, Ronaldinho, Gennaro Gattuso, Zlatan Ibrahimovic. Sie marschieren in die Kabine und lassen sich nichts anmerken?

Meine Stärke war schon immer, dass ich keine Angst habe. Natürlich hatte ich Respekt vor diesen großen Namen, aber mir war klar, dass ich eine Chance habe, mich durchzusetzen. Wie, das wusste ich zwar nicht, aber irgendwie würde es schon klappen.

Eine schlaflose Nacht vorher gehabt?

Nein, ich bin kein Grübler. Es war ein geiles Gefühl, die Trainingsklamotten vom AC Mailand überzuziehen. Und dann tastet man sich halt an jeden einzelnen Charakter heran und schaut, wie man das händelt.

Mussten Sie sich beim AC Milan anders herantasten als in Berlin oder Portsmouth?

Wie gesagt: Berliner sind Chamäleons, die können sich überall anpassen. In jeder Gesellschaft, in jedem Verein, auf jeder Straße. Fußballer sind letztlich überall ähnlich.

Wie hat sich ein Routinier wie Andrea Pirlo Ihnen gegenüber verhalten?

Pirlo ist ein total relaxter Typ, der nimmt jeden Neuling in gleicher Weise auf, auch wenn es ein 23-Jähriger wie ich ist. Aber es gibt natürlich auch andere.

Zum Beispiel?

Gattuso gibt seinen Platz nicht so leicht her. Aber nochmal: Es war ein erhebendes Gefühl mit Spielern wie Ronaldinho oder Zlatan Ibrahimovic trainieren zu können und mit ihnen in einer Kabine zu sitzen. Und mich am Ende auch gegen sie durchzusetzen und festzustellen, dass ein Ronaldinho draußen bleiben muss, weil ich plötzlich spiele. Aber ein Konkurrenzkampf auf diesem Niveau läuft doch nicht freundschaftlich ab. Da geht es zur Sache. Natürlich kommt auch Feuer rein. Aber wie Spieler miteinander umgehen, hängt von den Charakteren ab. Ein Gattuso geht im Training dann auch mal drauf, ein Ronaldinho nimmt es eher hin.

Merken Sie im globalsierten Milan-Team, dass Sie deutsche Eigenschaften in sich tragen?

Die Kollegen weisen mich oft genug darauf hin. Ich will offenbar immer mit dem Kopf durch die Wand. So sind wohl die Deutschen, sie haben ein Ziel und gehen es auf direktem Weg an. Wenn die anderen mich reden hören, antworten sie auf zackig "Jarrr" und "Neinnn". Pirlo sagte immer, wenn er mich sah: »Ausfahrrrt lllinks.« Und ich bin chronisch pünktlich. Wenn ein Teamkollege zu einem Treffen zu spät kommt, wird immer gewitzelt: Na, Boa, wieder zu früh da gewesen?

Würde man gar nicht annehmen, dass Sie so überdiszipliniert sind.

Ich war schon in der Jugend immer der Leader. Nicht weil ich gesagt habe, ich sei der Anführer, es war einfach so. Die Spieler schauen auf mich. Ich weiß nicht, ob es in der Vergangenheit immer besonders schlau war, mich nach vorne zu stellen. Aber die Augen ruhen auf mir. Es gab schon immer auch andere, die Mist gebaut haben, nur bei mir kam es eben raus.

Der schmale Grat zwischen Klassensprecher und Klassenclown.

In der Schule war ich eigentlich sehr gut, doch dort ist es mir nicht so zugefallen wie auf dem Platz. Den Ball kann ich mit geschlossenen Augen jonglieren, aber einen Test ohne Lernen zu schreiben, wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Leider.

Haben Sie Abitur?

Nein, ich bin vorzeitig abgegangen, weil ich im Amateurbereich schon vormittags trainieren musste. Aber was habe ich eigentlich? Naja, einen erweiterten Hauptschulabschluss, aber bitte nicht schreiben.

Von Berlin nach Mailand: Die Stationen des Kevin-Prince Boateng in Bildern:

Kevin-Prince Boateng: Von Hertha nach Mailand
Jung, hoffnungsvoll, tätowiert: Der Berliner Kevin-Prince Boateng, Jahrgang 1987, zog von Hertha aus in die große Fußball-Welt. Eine Fotostrecke mit Irr- und Umwegen.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: dapd
12.11.2010 11:18Jung, hoffnungsvoll, tätowiert: Der Berliner Kevin-Prince Boateng, Jahrgang 1987, zog von Hertha aus in die große Fußball-Welt....

Was denn dann?

Schreiben Sie, ich hätte Abitur, ich soll doch ein Vorbild sein. (lacht)

Als Sie 2007 von Hertha BSC zu Tottenham Hotspur wechselten, verbrachten Sie anfangs viel Zeit auf der Ersatzbank. Sie sagten im Nachhinein, Sie seien zu früh aus Berlin geflüchtet.

Es war ein Fehler, es so auszudrücken, denn im Prinzip bin ich nicht geflüchtet, sondern wurde einfach verkauft. Mit mir wurde Geld gemacht und man hat mich gedrängt, diesen Schritt zu gehen. Damals war ich zu unerfahren, um die Auswirkungen abzusehen, also habe ich zugestimmt. Doch letztlich hat mich dieser Fehler hierher gebracht und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Tottenhams Trainer Martin Jol hat Ihnen gleich am Anfang gesagt, dass er nicht mit Ihnen plant.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Damals habe ich das Geschäft überhaupt noch nicht verstanden, auch nicht, was er versuchte, bei mir auszulösen. Also habe ich die falschen Schlüsse gezogen.

Nämlich?

Ich bin in die Defensive gegangen und habe alles gemacht, was ich nicht machen sollte. Alles, was dem Trainer nicht gefällt. Dumme Trotzreaktionen. Ich war viel unterwegs und habe nicht gelebt wie ein Profi.

Weil Sie das erste Mal in ihrem Leben nicht der Leader waren.

Ich war schlicht und einfach unglücklich. Ich habe versucht, das Glück woanders als im Fußball zu finden. Die Geschichten kennen Sie: Ich habe Autos gekauft.

Stimmt die Story, dass Sie in einer Woche drei Luxuskarossen bestellt haben?
Ist doch egal, wie viele. Ich habe Autos gekauft und einen Moment lang war ich glücklich. Kurzzeitig war mir egal, dass ich auf der Tribüne saß, nicht bei den Profis auflaufe und mittwochs bei den Amateuren vor drei Leuten spielte. Doch nach vier Wochen war das mit den Autos langweilig und die Probleme des Alltags kamen zurück – mit voller Wucht. Ich lernte, dass ich vor dem Leben nicht weglaufen kann. Und dass es notwendig ist, sich den Problemen zu stellen. Ich habe fast eineinhalb Jahre gebraucht, um zu erkennen, was falsch läuft.

Wie lautet die Erkenntnis?

Dass jeder Mensch seinen Alltag, seinen Job selbst regeln muss.

Wie würden Sie heute mit so einer Zurücksetzung wie bei Tottenham umgehen?

Weiterarbeiten. Heute wüsste ich: Meine Chance wird kommen, ich habe die Fähigkeiten. Der liebe Gott hat mich mit Talent ausgestattet, das mir diese Möglichkeit gibt.

In Deutschland eilt Ihnen das Image des Bad Boys voraus. Das Foul an Michael Ballack, der Prozeß wegen der abgetretenen Autospiegel, der Karatetritt gegen Makoto Hasebe. Ein Trainer, der überhaupt keine Berührungsängste mit Ihrem Image hatte, war Jürgen Klopp, der Sie 2009 zum BVB holte.

Klopp ist einer, der sich sehr viel mit Menschen auseinandersetzt und in der Lage ist, Fehler zu verstehen und zu verzeihen. Ich habe in Dortmund in 14 Spielen sieben Mal auf der Bank gesessen und mich nicht einmal beklagt. Denn er hat es geschafft, jedem das Gefühl zu geben, dazu zu gehören.

Bei Borussia Dortmund wollten Sie unbedingt bleiben.

Dort herrschte 2009 extreme Aufbruchsstimmung. Jeder konnte erkennen, dass sich dort etwas entwickelt. Deswegen wollte ich auch unbedingt dort bleiben. Aber letztlich scheiterte es am Geld. Ein Tor fehlte zur Qualifikation zur Europa League – und so konnten sie mich nicht verpflichten.

Statt dessen avancierten Sie beim FC Portsmouth zum Führungsspieler. Trainer Paul Hart beorderte Sie ins zentrale, offensive Mittelfeld. Hat er Ihre positive Entwicklung in Gang gesetzt?
Ein Trainer kann einen Spieler nicht ändern, aber es gibt Leute wie Hart, die etwas in mir gesehen haben, was andere nicht gesehen haben und mir Vertrauen schenkten, auch Jürgen Klopp oder Avram Grant. Paul Hart ist ein Fußballer, der hat einfach gesagt: „Spiel, Junge, mach was du willst! Nur bitte keine Rote Karte.“

Muss man bei Ihnen immer dazu sagen, dass Sie keine Rote Karte herausfordern?

Natürlich nicht, ich habe in meiner Karriere vielleicht drei Platzverweise bekommen.

Drei?

Das Foul an Hasebe in Dortmund, zwei in Mailand und einen mit Hertha in der Europa League... Okay, vier!

Aber Sie gehören zweifellos zu den Spielertypen, die Freiheiten brauchen, um sich zu entfalten.

Schauen Sie Ronaldinho an. Ein Trainer kann doch froh sein, so einen Spieler im Team zu haben. Was will man dem noch beibringen? Der hat die absolute Perfektion, er braucht nur die Freiheit, sie auch ausspielen zu können.

Bilder aus der Karriere des Kevin-Prince Boateng:

Kevin-Prince Boateng: Bälle, Brillen und Tattoos
Großer Einsatz bei der UN-Konferenz am 21.März 2013 in Genf: Kevin-Prince Boateng und die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navanethem Pillay diskutieren über Rassismus im Sport.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dpa
27.08.2012 19:14Großer Einsatz bei der UN-Konferenz am 21.März 2013 in Genf: Kevin-Prince Boateng und die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navanethem...

Haben Sie diese Perfektion auch?

Sicher nicht. In Mailand stand er nach dem Training vor mir und ich bettelte: Mach‘ Tricks für mich. Er hat 15, 20 Minuten lang immer wieder neue Tricks gemacht – und nicht einen einzigen wiederholt. Er nimmt den Ball an der Mittellinie hoch und knallt ihn an die Latte des Tores, so dass er wieder zu ihm zurückspringt. Das Gleiche nochmal. Vor dem dritten Mal sagt er: „Wenn es wieder klappt, musst du mir einen ausgeben.“ Ich habe nur genickt und – zack – knallt er das Ding wieder an die Latte. Eine unglaubliche Gabe.

Kann man so eine Perfektion trainieren?

Nicht alles, aber manches. Zum Beispiel habe ich wesentlich an meiner Torgefährlichkeit gearbeitet. Von zehn Schüssen treffe ich jetzt acht Mal das Tor. Früher war die Quote schwächer.

Woran liegt es, dass die Halbwertzeit von Ausnahmespielern wie Ronaldinho oft nur kurz kurz ist?

Ich verstehe ihn zu einhundert Prozent. Er hat drei Jahre auf dem höchsten Niveau gespielt – und alles gewonnen. Was hat ein Mensch da noch für Ziele?

Aber das Leben geht doch weiter. Wünschen Sie sich nicht, in fünf oder sogar zehn Jahren noch auf diesem Niveau zu spielen?

Natürlich, aber Brasilianer stammen aus einem anderen Kulturkreis, bei denen gehört es einfach dazu, am Abend auch mal loszuziehen. Ein cleverer Trainer rät einem Ronaldinho sogar, einmal die Woche feiern zu gehen. Denn er weiß, dass Ronaldinho diese Freiheit auf dem Platz zehnmal zurück bezahlt. Natürlich sollte es nicht so sein, dass er sturztrunken in die Kabine torkelt, aber ein Ronaldinho, der sich wohlfühlt, schießt ein Team fast im Alleingang zum Gewinn der Champions League. Und dazu kommt das Finanzielle, denn auch da hat ein Spieler seiner Kategorie alles erreicht.

Hat ein Fußballer, der nur drei, vier Jahre Top-Niveau gespielt hat, wirklich für alle Zeiten ausgesorgt?

Ronaldinho hat unglaublich viel Geld verdient. Er lebt in einer Festung. Da muss jeder verstehen, dass er mit 27 Jahren sagt: Ich gehe es jetzt mal ein bisschen lockerer an.

Sie hingegen haben in letzter Zeit stark an Ihrem Körper und ihrer Fitness gearbeitet.

In Mailand habe ich am Anfang zwölf Kilo abgenommen, zwei habe ich inzwischen wieder an Muskeln zugelegt.

Wieso waren Sie so viel schwerer?

In England war es anders. Andere Ernährung, fettreicheres Essen. Und ich habe dort auch nicht immer wie ein Profi gelebt, dann nimmt man zwangsläufig zu. Dort lag ich zeitweise über 90 Kilo.

Jürgen Klopp hat gesagt, das Faszinierende an Ihnen sei, dass Sie für eine Situation im Spiel hundert Lösungsideen hätten. Ist diese Handlungsschnelligkeit auf dem Feld im zivilen Leben manchmal von Nachteil, weil Sie eine Entscheidung nicht lang genug abwägen?

Es ist ein schnelles Leben und ein schneller Beruf. Fußball ist ein Tagesjob – es geht schnell rauf und schnell wieder runter.

Dennoch, welchen fußballerischen Moment empfinden Sie rückblickend als Schicksalsschlag?

Schwer zu sagen. Natürlich war die Verbannung aus der U21 ein sehr bitterer Augenblick. Ich sah mich in der Mannschaft und wollte unbedingt mit zur U21-EM. Aber diese Tür schlug vor meiner Nase zu – und mir blieb nichts anderes übrig, als durch eine andere, die sich öffnete, hindurch zu gehen.

Sie meinen, dass Sie kurz darauf bekannt gaben, ab 2010 für Ghana zu spielen. Dabei war der Grund für Ihre Suspendierung eine Lappalie: Sie kehrten von einem Discobesuch während eines Trainingslagers zu spät zurück ins Teamquartier und Coach Horst Hrubesch warf Sie raus.

Naja, da fehlt noch etwas. Ich möchte dazu auch nichts mehr sagen. Alle, die dabei waren, wissen Bescheid. Ich habe meinen Kopf hingehalten und war am Ende der Dumme.

In der Disco soll es zu einer Rangelei gekommen sein, in der Sie schlichtend einschritten. Als Horst Hrubesch Sie fragte, wer dabei war, sollen Sie geschwiegen haben.

Ich hatte mit Herrn Hrubesch immer ein super Verhältnis. Warum es letztlich so gekommen ist, kann ich nicht sagen. Es war seine Entscheidung.

Haben Sie noch einmal mit ihm darüber gesprochen?

Nein. Es ist natürlich ein bisschen schade, aber es ist wie es ist. Damals war ich sehr getroffen, es hat mein Leben verändert. Sie müssen sich das vorstellen: Ich war Kapitän dieser Mannschaft, ich war Stürmer, wir haben am Tag zuvor noch Laufwege trainiert. Wir waren optimistisch, den EM-Titel zu gewinnen – und am nächsten Tag war ich nicht mehr mehr dabei. Doch wenn ich Herrn Hrubesch heute sehen würde, stände nichts zwischen uns. Ich würde ihn sogar zum Essen einladen.

Hätte es keinen Weg zurück gegeben?

Damals war ich überzeugt, dass für mich der Zug abgefahren sei. Vielleicht lag ich falsch damit, womöglich wäre mit Abstand nochmal ein Neuanfang möglich gewesen.

Dabei hätten Sie mit Ihren Fähigkeiten doch perfekt in Löws Mannschaft gepasst.

Das kann niemand sagen. Seit meiner Jugend hatte ich immer nur im Kopf, für Deutschland zu spielen. Dann kam es eben anders – und Ghana bot mir an, die WM als Bühne zu nutzen. Eine Chance, die ich nicht auslassen konnte. Dafür habe ich mich dann mit guten Leistungen bedankt. Es lohnt sich nicht mehr, weiter darüber nachzudenken und sich unnötig Stress zu machen.

Aber Ihre Vita liest sich, als gehöre Stress immer ein bisschen dazu. 
Früher habe ich mir selbst viel Stress gemacht, das stimmt. Ich habe mir mit meinem Verhalten und mit Sachen, die ich gesagt habe, immer wieder geschadet. Ich war es, der den Stress verursacht hat. Es hat lange gedauert, bis ich das erkannt habe. Aber heute habe ich mein Verhalten geändert – und deshalb sehen mich die Menschen in Italien auch anders.

Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe 2010 den Berater gewechselt und über die Gespräche mit ihm (Roger Wittmann, d.Red.) habe ich angefangen, Zusammenhänge zu erkennen und Dinge anders zu sehen.

Was hat Roger Wittmann Ihnen denn gesagt?

Nicht so außergewöhnliche Sachen, wie Sie jetzt vielleicht denken. Es ging darum, dass ich mich aufs Wesentliche konzentriere, meine Arbeit zuverlässig mache, ans Limit gehe, hart auf mein Ziel hinarbeite.

Wir hätten erwartet, dass es für einen Profi selbstverständlich ist, ans Limit zu gehen.

Aber es existiert jeden Tag ein neues Limit. Welcher 20-, 21-Jährige hat den Schlüssel zu einer Situation, in der sich sein gesamtes Leben verändert? Plötzlich verdient man viel Geld und viele Menschen klopfen einem auf die Schulter. Man ist ständig mit der Mannschaft zusammen und hört, wie die anderen Spieler leben. Es scheint, als sei das völlig normal. Es ist nicht einfach zu erkennen, dass es nur die sportliche Leistung ist, die einen dorthin gebracht hat, und man dieses Niveau ständig aufs Neue erreichen muss.

Sie kamen sich vor wie Alice im Wunderland?

Ungefähr so. Ich war zwanzig, bekam einen Haufen Geld und die Leuten sagten: Mach mal!

Mike Tyson hat gesagt: Ich wusste: Ich war zwanzig, Schwergewichtsweltmeister und steinreich. Aber sonst wusste ich gar nichts! Wer war ich? Keine Ahnung!
Genauso ist es! Man ist gerade volljährig und reich – und hat keine Ahnung, wie man mit der Situation zurecht kommen soll. Wissen Sie, ich hatte auch vorher Berater, die mir sagten, dass ich mich falsch verhalte. Aber da war ich jünger, ich habe es nicht verstanden. Man muss den Schmerz empfinden, um ihn zu bekämpfen. Ein Berater oder ein Verein kann das nicht ständig predigen. Ich wollte immer mehr sein als ein Fußballer. Ich wollte als Persönlichkeit wahrgenommen und respektiert werden. Aber mir war nicht klar, wie ich das schaffe. Inzwischen habe ich den Glauben und das Vertrauen in meine eigenen Stärken gefunden.

Der Journalist Michael Horeni hat gerade ein Buch über "Die Brüder Boateng" veröffentlicht. Im Gegensatz zu ihren Halbbrüdern Jerome und George haben Sie ihm nicht als Gesprächspartner zur Verfügung gestanden.

Weil ich mit dem Buch nicht einverstanden war, es war nicht mit mir abgeklärt. Außerdem will ich mein eigenes Buch schreiben. Denn in vielen Dingen wurde ich – gerade in Deutschland – falsch verstanden und dargestellt.

Wie schwer hat Sie die mediale Wahrnehmung des Ballack-Fouls getroffen?

Was soll ich dazu sagen? Sowas passiert auf dem Fußballplatz jeden Tag, aber dass bei mir mehr daraus gemacht wird, war doch klar: der „Bad Boy“, Ballack, die bevorstehende WM. Aber dass es nachher sogar in den rassistischen Bereich ging und meine Familie angegriffen wurde, hat mich schon getroffen.

Wie stecken Sie diese Anfeindungen weg?

Ich denke, es macht im Fußball eben auch den Unterschied aus, wie ein Spieler mit solchem Druck zurecht kommt. Es gibt keinen aktiven Fußballer in Deutschland, der in den letzten Jahren soviel negative Schlagzeilen bekommen hat. Aber wie Sie sehen, ruhe ich in mir und bin zufrieden.

Sie haben gesagt, Sie hätten den Eindruck, in Deutschland würde man Sie für einen "Verrückten" halten. Wie sehr nagt das an Ihnen?

Natürlich bedrückt es mich, wenn mich Leute für einen Bescheuerten halten. Aber auch hier habe ich gelernt, die Dinge nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Früher habe ich mir über mein Image den Kopf zerbrochen. In Italien mögen mich die Menschen für das, was ich bin: Ein erfolgreicher Fußballer, der hart arbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lässt. In Deutschland wird nicht viel über mich als Milan-Spieler geschrieben. Statt dessen aber erscheint ein Bild von mir in Badehose mit meiner Freundin, und alle Zeitungen drucken es ab.

Dabei stehen italienische Medien nicht gerade in dem Ruf, besonders zimperlich mit Fußballstars umzugehen.

Die sind radikal, dagegen ist die deutsche Presse ein Kindergarten. Wenn es nicht läuft, hauen die ohne Kompromisse dazwischen. Die schreiben sogar Dinge, die schlicht und einfach gelogen sind.

Zum Beispiel?

Wenn ich abends in ein Restaurant zum Essen gehe, kann es schon vorkommen, dass morgens in der Zeitung steht, ich sei bis zum Morgengrauen feiern gewesen. Aber wenn es läuft, dann heben die Medien einen hier auch in den Himmel.

Negative Schlagzeilen kennen wir viele von Ihnen. Gibt es auch eine, die Ihnen besonders gut gefallen hat?

Die stand in einer deutschen Zeitung.

Und zwar?
"Boateng, der Sexgott".

Weil Ihre Freundin Melissa Satta einer italienischen Zeitung sagte, Sie hätten zwischen vier- und sieben Mal Sex in der Woche.

Im Ernst: So toll fand ich das nicht. Sie hat da leider etwas amateurhaft geantwortet. Sie ist den Journalisten auf den Leim gegangen. Was Sie gesagt hat, bezog sich eigentlich gar nicht auf unsere Beziehung, aber den italienischen Medien war das egal, die haben es gleich in diesen Zusammenhang gesetzt – und in Deutschland haben es die Boulvardzeitung gern übernommen.

Und Sie waren sauer.

Nein, ich habe ihr aber gesagt, welche Tragweite solche Aussagen haben. Dass solche Sätze global verbreitet werden und sie genau aufpassen muss, was sie sagt. Ein kurzes mediales Erdbeben, dann war es vom Tisch.

Aber ein bisschen Spaß macht Ihnen das Popstarleben schon?

Was die Paparazzi machen, dafür kann ich ja nichts. Aber natürlich gehe ich ab und an unter Leute, ich tanze gerne und singe auch mal.

Spielen Sie ein Instrument?

Leider nicht. Ich habe mal ein bisschen Klavier gespielt, jetzt überlege ich, Gitarre zu lernen. Meine Freundin macht mit. Es wird unser Hobby. Man sagt doch immer, Paare müssen etwas zusammen machen, das stärkt den Zusammenhalt. (lacht)

Stimmt es, dass Sie für 15.000 Euro die Sneakers ersteigert haben, die Michael J. Fox in dem Film "Zurück in die Zukunft" getragen hat?

Ja, es ist eine meine frühesten Kindheitserinnerungen, dieser Film, in dem er in der Zeit zurückreist. Unter anderem tut er das, um sicher zu stellen, dass seine Eltern sich ineinander verlieben.

Gäbe es für Sie einen Grund, in die Vergangenheit zu reisen?

Ganz ehrlich: Ich bin glücklich, so wie es ist. Alles, was falsch gelaufen ist oder, was ich verloren habe, hat mich an diesen Punkt gebracht. Ich muss nicht im Nachhinein noch einmal Details korrigieren.

Was wollten Sie werden, als Sie sechs Jahre alt waren?

Fußballer.

Wie haben Sie sich damals das Leben als Fußballer vorgestellt?

Keine Ahnung, ich war zu jung. Ich wollte einfach nur spielen. Auch mit 16 habe ich es mir noch nicht so vorstellen können, wie es jetzt ist.

Sie sind ohne Luxus groß geworden, im Moment können Sie sich materiell fast alles leisten. Auf was könnten Sie ohne Probleme sofort wieder verzichten?

Auf gar nichts will ich verzichten! Weil ich mir all das, was ich jetzt habe, erarbeitet habe und es auch mein gegenwärtiges Glück mitbestimmt. Warum sollte ich darauf verzichten?

Gibt es denn Dinge, auf die Sie im Zweifelsfall verzichten könnten?

Wenn es sein müsste, bestimmt. Aber worauf? Keine Ahnung, das müsste ich dann entscheiden, ich kann mich immer umstellen. Wie gesagt, ich bin Berliner.

Wie gut ist aktuell Ihr Kontakt zu Ihrem Bruder Jerome?

Wir telefonieren fast täglich.

Vor der EURO 2012 war ausnahmsweise er es, der durch das Zusammentreffen mit Starlet Gina-Lisa Lohfink in die Schlagzeilen geriet.

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als ich davon hörte. Aber er hat es mir erklärt, es war wohl alles von ihr geplant.

Was haben Sie ihm in der Situation geraten?

Dass er Gas geben soll. Und das hat er getan – er hat im ersten Spiel Cristiano Ronaldo gestoppt.

Wem haben Sie im Halbfinale die Daumen gedrückt: Italien oder Deutschland?

Ich war für meinen Bruder, ich wünschte, dass er ein gutes Spiel macht. Der Rest war mir egal.

War Ihr Bruder in der Jugend eigentlich besser als Sie?
Der Große, George, möglicherweise. Er war Stürmer, da hat man als Spieler andere Aufgaben als auf meiner Position. Deswegen kann man auch nicht sagen, ob mein jüngerer Bruder besser ist, denn er hat als Verteidiger auch ganz andere Dinge zu erfüllen.

George stoppte eine Gefängnisstrafe auf seinem Weg zum Profi. Glauben Sie, seine Fehler waren für Sie ein mahnendes Beispiel?
Ich glaube, jeder Mensch muss seine eigenen Fehler machen. Wie groß diese Fehler sind, hängt von jedem selbst ab. Ich glaube nicht, dass ich bewusst Dinge nicht gemacht habe, weil sie vorher schlecht für meinen Bruder waren. Jeder muss selbst gegen die Wand laufen.

Wie ausgeprägt ist aktuell Ihr Kontakt nach Berlin?

Der Draht ist nicht mehr so eng wie früher. Ich habe in Mailand ein neues Leben angefangen. Ich habe noch zwei sehr gute Freunde, mit denen ich regelmäßig telefoniere, zu meiner Mutter natürlich, meinem großen Bruder und meiner Schwester. Aber in Berlin ist lange Zeit nicht alles so glatt für mich gelaufen, insofern vermisse ich die Stadt nicht so stark.

Fahren Sie ab und zu hin?

Das Verlangen ist nicht mehr so ausgeprägt. Warum auch? Ich habe zwanzig Jahre in Berlin gelebt, ich kenne dort alles. Meine Zeit ist aufgrund der vielen Termine ohnehin sehr begrenzt, da nutze ich sie lieber, um andere interessante Städte zu sehen.

Wie gut ist Ihr Kontakt zur alten Berliner Clique, zu Patrick Ebert, Ashkan Dejagah, Sejad Salihovic, Chinedu Ede?

Wir haben lose Kontakt, manchmal sehen wir uns zwei Jahre nicht, aber wenn, ist es immer sehr lustig. Mit Dejagah und Salihovic war ich früher jeden Tag zusammen, diese Verbindungen bleiben, wir haben eine ähnliche Art zu denken.

Sind Sie jemand, der Freundschaften pflegt?

Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand wirklich Interesse an mir hat, bekommt er das auch zurück. Aber wie Sie sich vorstellen können, ist dieses Vertrauen auch oft ausgenutzt worden – und wenn ich das merke, kann ich Verbindungen auch radikal abbrechen.

Warum schafft es ein Ausnahmetalent wie Patrick Ebert nicht mehr, sich bei Hertha BSC durchzusetzen? Vielleicht fehlt ihm der letzte Wille, wie ein Profi zu leben und sich weiterzuentwickeln?

Man ist kein Profi, wenn es einem reicht, ein schickes Auto zu fahren und von zehn Spielen zwei gute zu machen. Früher war ich da auch nachlässiger, aber heute weiß ich: Ein Profi ist nur, wer von zehn Spielen neun sehr gute und eins macht, das okay ist.

Auf Twitter haben Sie vor kurzem Nelson Mandela zum Geburtstag gratuliert. Täuscht der Eindruck oder interessieren Sie sich neuerdings stärker für die afrikanische Kultur?

Ich gebe zu, dass ich vor der Entscheidung, für Ghana zu spielen, nur sehr wenig Interesse für den Kontinent aufgebracht habe. Mein Vater hat mir seine Herkunft leider nur wenig nahegebracht, deshalb musste ich es mir selbst erarbeiten.

Was fasziniert Sie an Mandela?

Ich hatte das Glück, Mandela kennenzulernen. Mich hat die Ruhe und Gelassenheit fasziniert, mit der er auf sein hartes Schicksal blickt. Ich wüsste nicht, wieviel Wut in mir stecken würde, wenn ich solange wie er im Gefängnis gewesen wäre. Aber als ich den Raum betrat und er – dieser kleine Mann mit den weißen Haaren – dort saß, ging von ihm eine enorme, friedvolle Ausstrahlung aus.

Nun haben Sie entschieden, nach nur neun Länderspielen für Ghana Ihre Nationalmannschaftskarriere zu beenden.

Ich musste eine Entscheidung für meine Karriere treffen. Es ist enormer Stress, jeden Tag beim AC Mailand Höchstleistungen zu bringen. Sie haben es gesagt: Ich stehe hier in Italien unter extremer Beobachtung. Die viele Reiserei mit Ghana war auch nicht gut für meine Fitness. Ich arbeite jeden Tag mit meinem Personaltrainer, habe jeden Tag mein Programm im Milan Lab. Das ließ sich einfach auf Dauer nicht vereinbaren.

Ist da das letzte Wort schon gesprochen?

Das ist Stand August 2012. Was in der Zukunft ist, kann ich nicht sagen.

Wie war das Feedback aus Ghana?

Halb, halb. Viele haben verstanden, dass der Stress für mich enorm war. Aber es ist doch auch nachvollziehbar, dass einige nicht glücklich darüber waren.

Kevin Prince Boateng, wir müssen langsam zum Schluss kommen…

Wir haben doch alles besprochen. Sie können es ruhig schreiben: Ja, ich bin der beste Fußballer der Welt. (lacht)

Quelle: www.11freunde.de

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