Kevin-Prince Boateng : In friedlicher Ignoranz

Hertha BSC vermeidet im Trainingslager den Kontakt mit Kevin-Prince Boateng. Die Neuverpflichtung von Borussia Dortmund gibt sich geläutert.

Sven Goldmann[Marbella]
BoatengBALL
Berliner Ballgefühl. Boateng trägt nun schwarz-gelb.Foto: AP

Das Schienbein schmerzt, die Lunge brennt. Ja, das erste Spiel für Borussia Dortmund hat Spaß gemacht, vor allem aber war es anstrengend. Kevin-Prince Boateng würde jetzt gern unter die Dusche verschwinden, aber er hat sich vorgenommen, nett zu sein. Und dazu gehört, dass der in Dortmund eher unbekannte Garagensender Spreekanal sein Interview bekommt. Gern auch vor den Palmen im spanischen Marbella, wo gerade die früheren Kollegen von Hertha BSC ihr Training absolvieren.

Es ist eine amüsante Fußnote, dass Boateng da in den deutschen Klubfußball zurückkehrt, wo sich auch Hertha auf die Bundesliga-Rückrunde vorbereitet. Gibt es noch Verbindungen? Boateng sagt: „Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Marko Pantelic und Patrick Ebert“, zur Begrüßung fällt er beiden demonstrativ um den Hals. Arne Friedrich schüttelt ihm diplomatisch-pflichtbewusst die Hand, wie es sich für einen Mannschaftskapitän gehört. Ansonsten begegnen sich Hertha BSC und Kevin-Prince Boateng in friedlicher Ignoranz. Herthas Pressesprecher Hans Felder verdreht die Augen. Kontakt? Mit dem? Sonst noch was?

Boateng hat in Berlin zurückgelassen, was man im Krieg verbrannte Erde nennt. Die Mannschaft hat er bei seinem Abschied im Sommer 2007 nach London einen Haufen weich gespülter Jasager genannt. Das ist nicht besonders gut angekommen, auch nicht beim neuen Trainer Lucien Favre, der den Fußballspieler Boateng sehr schätzt und wohl auch gern behalten hätte.

Nach den ersten Grüßen via Boulevard war auch Favre froh. Er hat sich eine neue Mannschaft zusammengebastelt mit den knapp acht Millionen Euro, die Tottenham Hotspur in einem Anfall von Verschwendungssucht in der schönen Zeit vor der Finanzkrise für den damals 20-Jährigen gezahlt hatte. Als Boateng am Donnerstag im Test gegen den VfL Osnabrück zum ersten Mal das Dortmunder Trikot trägt, schaut das Berliner Personal demonstrativ weg. Nur Sportdirektor Michael Preetz wirft ab und zu mal einen Blick hinüber.

Jürgen Klopp, der Fußballintellektuelle mit der hohen „geil!“-Dichte in seinem Vokabular, hat sich für den in London Gestrauchelten stark gemacht. „Meist sind die Jungs nicht im Ansatz so schwierig, wie sie gemacht werden“, sagt der BVB-Trainer. Boateng erwidert, von Klopp sei bekannt, „dass er auf verrückte Typen steht“, und wer mit so einem Trainer nicht klarkomme, „der hat mit sich selbst ein Problem“. Gleich am ersten Trainingstag hat er freiwillig das Ballnetz geschleppt, das Haar trägt er weder blondiert noch im Irokesenschnitt, sondern schlicht und kurz und schwarz. Äußerlich erinnert nur die in London gestochene Hals-Tätowierung, eine Krone, an den alten, wilden Kevin-Prince Boateng. Bei der Borussia hat er die Nummer 22 bekommen, „eine andere war nicht mehr frei“, und Klopp stellt ihn auf die Position im halbrechten Mittelfeld. Wahrscheinlich ist Boateng froh, dass die alten Kollegen aus Berlin nicht zugucken, denn in seiner ersten Viertelstunde geht gegen Osnabrück alles daneben. Hier ein Pass ins Nirgendwo, dort ein Fehler bei der Ballannahme, dann hält er im Zweikampf die Sohle über den Fuß eines Gegners, der Schiedsrichter pfeift ab und Boateng brüllt: „Hey, I touched the ball!“

Eineinhalb Jahre in London haben ihre Spuren hinterlassen, auch wenn er nicht allzu oft spielen durfte. 14-mal ist Boateng in der Premier League für Tottenham aufgelaufen, nur einmal über 90 Minuten. Drei Trainer haben ihn an der White Hart Lane weitgehend ignoriert. Zuerst Martin Jol, der ihn gar nicht haben wollte. Dann Juande Ramos, der Boateng zu seinem früheren Klub FC Sevilla hatte holen wollen, bevor Tottenham noch ein höheres Angebot abgab. Zuletzt ließ ihn Harry Redknapp im November für eine Viertelstunde gegen den FC Everton mitkicken, dann war Schluss.

Über die Zeit in London redet er nicht gern, „ich habe viele Fehler gemacht“, die wenigsten hatten mit Fußball zu tun. Hat er auch etwas Positives mitgenommen? Boateng nickt. „Ich habe gelernt, einfach zu spielen.“ Ein Anflug dieses Lernprozesses ist im Spiel gegen Osnabrück zu sehen. Boateng verzichtet darauf, wie früher den Ball mit der Sohle zu streicheln, er beschränkt sich auf wenige Kontakte, grätscht oft und steht sofort wieder auf den Beinen. Nach der ersten missratenen Viertelstunde findet er langsam ins Spiel. Sein langer Diagonalpass auf Mohamed Zidan leitet einen schönen Angriff ein, „Klasse-Ball, Kevin!“, ruft Klopp.

Ein paar Minuten später bereitet Boateng mit ansatzlosem Zuspiel auf Nuri Sahin das Dortmunder Führungstor vor. Es wird noch ein gutes Debüt, mit viel Einsatz und Übersicht. „Nicht schlecht“, urteilt Michael Preetz, „aber dass Kevin Fußball spielen kann, wissen wir ja alle. Ich hoffe, er nutzt die Chance, die ihm Dortmund bietet.“ Das Leihgeschäft mit Tottenham läuft bis zum Ende der Saison, die Borussia hat eine Kaufoption.

Nach 70 Minuten holt Klopp seinen neuen Mann vom Platz und gibt ihm den obligatorischen Klaps. Boateng setzt sich auf die Steinstufen und schaut seine Kollegen dabei zu, wie sie das Spiel 3:0 gewinnen. Für heute ist er zufrieden mit sich und der Fußball-Welt. Ein Betreuer kommt vorbei und sagt: „Kevin, es ist kalt, zieh dir eine Jacke über.“ Boateng nickt. „Okay, holste mal?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben