Kickboxen : "Bis zur Hutkrempe voll mit Glückshormonen"

Sie ist die erfolgreichste Kickboxerin der Welt: Christine Theiss (27) ist nicht nur Weltmeisterin der Versionen WAKO und WKA, sondern auch amtierende Europameisterin. Im Gespräch mit Tagesspiegel.de spricht Theiss über ihren Sport, die geringe Medienpräsenz und ihren Wunsch als Ärztin zu arbeiten.

Theiss
Energiepaket: Theiss gibt im Sport und Beruf immer alles. -Foto: kickboxen.de

Frau Theiss, zunächst einmal Gratulation für ihre Titelsammlung und nebenbei auch Glückwunsch für den erfolgreichen Abschluss ihres Medizinstudiums. Woher nehmen Sie die ganze Energie?



Der Sport macht mir nach wie vor einfach unglaublich viel Spaß und ich habe immer noch das Gefühl, dass ich jeden Tag dazu lerne. Das ist Antriebsfeder genug. Halbe Sachen habe ich noch nie gemacht, deswegen habe ich auch mein Studium beendet, alles andere wäre dumm gewesen.

Sicherlich schafft man solche Erfolge nicht auf eigene Faust. Wem gilt Ihr besonderer Dank?

In sportlicher Hinsicht natürlich meinen beiden Trainern Pavlica und Mladen Steko, die alles individuell auf mich abgestimmt hatten. Nicht nur das Training, sondern auch das ganze Drumherum. Natürlich auch die gesamte Wettkampfmannschaft vom Kampfsportzentrum Steko. Im Ring sind wir Kickboxer absolute Einzelkämpfer, aber im Training müssen wir ein Team sein sonst kommt keiner vorwärts. Privat gilt der Dank ganz klar meinem Mann, der gerade in den Monaten vor dem Staatsexamen soviel hat zurückstecken müssen. Er ist mein großer Rückhalt, der mich einfach immer grandios unterstützt.

Beschreiben Sie uns bitte Ihre Emotionen nach den Siegen in den beiden WM-Kämpfen. Was geht einem da durch den Kopf?

Ich war einfach nur total glücklich, man ist bis zur Hutkrempe voll mit Glückshormonen und ein wenig läuft das Drumherum um einen selbst wie im Film ab. Am Tag danach ist man nur noch unendlich müde, kann aber nicht schlafen, weil jetzt die Gedanken anfangen zu kreisen. Erst da realisiert man allmählich, was eigentlich passiert ist.

Welche sportlichen Ziele streben Sie noch an?

Einen Kampf abzuliefern, bei dem mein Trainer Pavlica Steko hinterher sagt, er wäre perfekt gewesen.

So erfolgreich Sie auch im Kickboxen sind, die Anerkennung seitens der Medien könnte sicher stärker sein. Ist man da nicht ein wenig neidisch auf das Frauenboxen?

Nein, warum neidisch? Die Mädels haben sich die Aufmerksamkeit verdient. Aber auch hier gilt dasselbe wie für uns Kickboxer: Selten steht der Sport im Vordergrund, sondern meist nur einzelne Personen. Ich habe auch Amateurboxen gemacht, da interessiert sich kein Mensch für die Damenwelt, vor allem die verstaubte Funktionärsschicht nicht. Was die Aufmerksamkeit um meine Person betrifft, kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Ich bin ganz froh, dass es ein stetiges Wachstum ist, auf diese Art und Weise habe ich genug Zeit mich darauf einzustellen. Aber die Sportart Kickboxen an sich könnte durchaus häufiger in der Presse sein und zwar nicht nur im Zusammenhang mit meiner Person.

Was würden Sie sich von den Medien wünschen?

Immer wieder werde ich auf das Milieu angesprochen mit dem ich als Akademikerin mich abzugeben habe. Das empfinde ich als eine solche Beleidigung gegenüber den Menschen, die diesen Sport ausüben und den Besuchern unserer Veranstaltungen. Was soll das? Nur weil einer kein Abitur hat, heißt das noch lange nicht, dass er im Milieu ist oder Kickboxen zum Schlagen braucht. Ich möchte erreichen, dass Kickboxen endlich als das wahrgenommen wird, was es ist. Eine Sportart, die höchste Ansprüche an die Ausübenden stellt, sowohl in konditioneller als auch technischer Hinsicht. Man wird von Kopf bis Fuß durchtrainiert und auch der psychische Aspekt ist nicht zu unterschätzen.

In Japan hat das "K 1" bei den Männern durch Größen wie Semmy Schilt, Remy Bonjasky oder Masato schon Kultstatus. Auch in Deutschland werden diese Kämpfe mit Showcharakter drum herum gezeigt. Wie bewerten Sie das "K1"?

Warum nicht, dem Publikum gefällt es in der Regel und sie erwarten es auch. Uns Sportlern ist es primär egal, ob Konfetti geflogen kommt oder ein Nummerngirl oder -boy in der Rundenpause durch den Ring rennt. Aber es ist uns nicht egal, ob uns ein großes Publikum anfeuert und das tut es nun einmal eher, wenn ihm die Veranstaltung taugt und Emotionen angesprochen werden.

Sie haben schon im Kindesalter mit dem Kickboxen begonnen. Was war der Grund?

Der war ganz banal. In der 2. Klasse wollte eine damalige Klassenkameradin in Bayreuth zum Kickboxen und hat sich nicht alleine hingetraut, also sind wir da zu zweit hin.

Und wie reagierten Ihre Eltern?

Das ist jetzt 20 Jahre her, die erste Reaktion habe ich vergessen, aber sie war sicherlich positiv. Sie haben mich immer unterstützt, wussten dafür aber immer auch, wo ihre Tochter war.

Sie haben Ihr Medizinstudium im Herbst abgeschlossen. Denken Sie schon darüber nach als Ärztin zu praktizieren?

Natürlich, es war auch alles andere als eine leichte Entscheidung für mich, die Medizin an die Seite zu stellen. Ärztin ist ein toller Beruf, der mich mein Leben lang begleitet hat und es auch immer noch tut. Ich habe mich ausgesprochen wohl in diesem Metier gefühlt und ich bin mir sicher, dass ich eines Tages, in welcher Form auch immer, dorthin zurückkehren werde. Aber es war ebenso klar, dass es nicht möglich ist, Leistungssport auf sehr hohem Niveau zu betreiben und gleichzeitig der Betreuung kranker Menschen 100 Prozent gerecht zu werden.

Haben Sie eigentlich Vorbilder?

Die unglaubliche Nervenstärke von Fabian Hambüchen finde ich absolut beeindruckend.

Wie schaffen Sie einen Ausgleich zu Ihrem Job?

Zum einen habe ich das Glück, mein geliebtes Hobby jetzt zum Beruf machen zu können. Deswegen empfinde ich die Zeit seit dem Ende des Staatsexamens nicht mehr als stressig. Und zum anderen schaffen mein Mann und ich uns immer gemeinsame Inseln, die nur für uns beide da sind: Theater, Ausflüge in die Berge und Saunagänge.

Was steht jetzt auf dem Programm? Urlaub?

Auf jeden Fall. Dieses Jahr war ein pausenloses Springen von Höhepunkt zu Höhepunkt. Der einzige Urlaub bestand aus drei Tagen nach meinem WM-Kampf in Portugal. Ich brauche jetzt ganz dringend ein paar ruhige Tage.

Das Interview führte Hakan Uzun

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