Sport : Kiefer ist nicht mehr Kiefer

Stefan Hermanns

Es ist ein schwacher Trost, dass es Nicolas Kiefer nicht anders geht als den Menschen, die seinen Spielen immer noch in der Hoffnung auf gehobene Unterhaltung beiwohnen. Die Zuschauer fragen sich längst, wer das ist, der da mit Kiefer-Gesicht, Kiefer-Frisur und in Kiefer-Klamotten auf dem Platz steht. Mit der früheren Nummer vier der Tennis-Weltrangliste hat dieser Spieler nicht mehr viel gemeinsam. Immerhin wird Kiefer inzwischen selbst von derartigen Wahrnehmungsproblemen geplagt: "Ich weiß, dass ich das nicht bin", sagte er nach seiner Niederlage bei den Australian Open. Früher war das anders. Da hat Kiefer gesagt: "Ich bin Nicolas Kiefer." Zum Beispiel, wenn er mit Boris Becker verglichen wurde.

Die "Taz" hat einmal über ihn geschrieben: "Seine Niederlagen kann er oft besser begründen als seine Siege." Doch selbst das gelingt ihm nicht mehr. Kiefer ist wenig geblieben vom früheren Glanz. Die Weltrangliste führt ihn gerade noch unter den ersten 50, und die Rekorde, die Kiefer aufstellt, sind von eher zweifelhafter Ehre. In Melbourne schaffte er es, zweitschnellster Verlierer des Turniers zu werden. Mit einem 1:6, 0:6, 4:6 gegen Jiri Novak verabschiedete sich Kiefer.

Nicolas Kiefer ist erst 24, und doch könnte seine glanzvolle Karriere bereits zu Ende sein, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. "Nicolas Kiefer könnte ein Top-Ten-Spieler sein", hat der frühere Davis-Cup-Kapitän Carl-Uwe Steeb in einem Beitrag für die "Welt am Sonntag" geschrieben. "Gedanklich begibt er sich auf dem Platz aber stets in eine Verteidigungsposition. Er kämpft um vergangene Erfolge." Gegen Novak wirkte Kiefer enthusiastisch wie ein 15-jähriger Hip-Hopper vor einer wichtigen Mathearbeit. Im zweiten Satz schaffte er lediglich fünf Punkte. Lobs gingen Meter ins Aus, Stopps landeten jenseits der Aufschlaglinie, beim Return sprangen ihm die Bälle an den Rahmen - und Kiefer fluchte nicht einmal.

Früher wurde Kiefer gelegentlich mit Andre Agassi verglichen. Auch der verschwand zwischenzeitlich in den Untiefen der Weltrangliste, kehrte dann aber umso triumphierender in die Spitze zurück. Ob Kiefer ähnliches schaffen kann, ist fraglich. In Zeiten der Krise verfällt er in ungesunden Aktionismus, wechselt seine Trainer schneller als manche Menschen die Zahnbürste. Im Moment arbeitet er mit dem unbekannten Algerier Farid Bentaous zusammen. Spötter erzählen, dass Bentaous in Melbourne mit großen Augen durch den Spielertrakt laufe und sich sogar Autogramme von den Stars geben lasse.

Kiefer, der einmal als eines der Neuen Gesichter der Tennisszene vermarktet werden sollte, zählt längst nicht mehr zu den Stars. Richtig zufrieden mit sich war er zuletzt "vor anderthalb Jahren". Bis zum Sommer will sich Kiefer Zeit geben, um sich der alten Form zu nähern. "Ich brauche Spiele, Spiele, Spiele." Doch wie soll er Spielpraxis bekommen, wenn er gleich in der ersten Runde ausscheidet? Wenn es so weiter geht, wird Kiefers Weltranglistenposition schon in Kürze bei großen Turnieren nicht einmal mehr für das Hauptfeld reichen. Er müsste sich dann erst durch die Qualifikation quälen.

So hat er sich das mit der Spielpraxis vermutlich nicht vorgestellt.

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