Sport : Kiel gehen die Spieler aus

Im Champions-League-Finale gegen Flensburg fehlt auch Regisseur Lövgren

Erik Eggers[Kiel]

Sieben Jahre sind diese Szenen schon alt, aber das Gedächtnis der Kieler Handballfans hat sie nicht vergessen. Sie sind längst zu einem Mythos geworden: Wie der THW Kiel, der lange Zeit ein Remis gehalten hatte im Finale der Champions League, vor 8000 fanatischen Zuschauern im Palau Blau-Grana am Ende noch dem FC Barcelona mit 24:28 unterlag – das 28:25 aus dem Hinspiel reichte am Ende nicht. Einige THW-Profis weinten damals, andere nannten die Schiedsrichter korrupt, aber als die Tränen getrocknet waren, da schworen sie sich alle, diesen Makel irgendwann zu tilgen.

Seither intensivierte die Kieler Klubführung um Manager Uwe Schwenker noch die Anstrengungen, baute nach dem Karriereende von Welthandballer Magnus Wislander ein neues Team auf, erhöhte zuletzt auch das finanzielle Risiko und zog nun nach sechs vergeblichen Anläufen erstmals wieder in das Finale der Champions League ein. Heute nun trifft Kiel im ersten rein deutschen Endspiel zunächst auswärts auf den Erzrivalen SG Flensburg-Handewitt (17.30 Uhr, live bei Eurosport). Doch die Stimmung ist gedrückt.

Denn in dieser entscheidenden Phase, in der man sich von der eigenen Geschichte therapieren wollte, gehen dem THW die Spieler aus. Schon längere Zeit musste der Klub im linken Rückraum auf den dänischen Nationalspieler Lars Krogh Jeppesen verzichten, er leidet an einem Bandscheibenvorfall. Zudem laboriert Aufbauspieler Viktor Szilagyi an seiner zweiten Knieverletzung des Jahres. Im Champions-League-Halbfinalhinspiel in Pamplona verletzte sich Weltklasse-Kreisläufer Marcus Ahlm. Und nun fällt auch noch der einzige verbliebene Spieler aus, der damals in Barcelona dabei war: der schwedische Regisseur Stefan Lövgren.

Eine Adduktorenverletzung, zugezogen im Pokalfinale am vergangenen Sonntag, verhindert seinen Einsatz. „Das ist, gerade in dieser Phase, der absolute Super- GAU für uns“, sagt THW-Manager Schwenker voller Frust. Schließlich ist Lövgren nicht nur einfach ein Aufbauspieler. Der 36-Jährige ist ein wahrer Anführer auf und neben dem Spielfeld, er ist der verlängerte Arm des Trainers Zvonimir Serdarusic. Ihm ist eine sehr charismatische Ausstrahlung eigen, er wird geradezu verehrt von jungen Spielern wie dem slowenischen Rechtsaußen Vid Kavticnik. Lövgren ist der Kopf des Teams, das kühle und kühlende Zentrum dieser jungen hungrigen Mannschaft, die vor Angriffslust manchmal überdreht und jede taktische Vorsicht vergisst. Und nun ist er nicht dabei. „Stefan hätte so ein Karrierehighlight verdient gehabt. Er ist völlig deprimiert“, berichtet Schwenker.

Eigentlich hatte die Fachwelt den Kielern im Duell mit den Flensburgern die Favoritenstellung zugedacht, erst recht nach dem 34:33 gegen die SG im Pokalhalbfinale am vergangenen Samstag. Doch nun malt Schwenker für Kiel ein Horrorszenario, nennt die Saison bereits ein „Seuchenjahr“ und die Lage „immer prekärer“. Denn nun bleibt mit dem französischen Nationalspieler Nikola Karabatic nur ein gelernter Rechtshänder im Rückraum. Serdarusic hat nur noch acht gesunde Feldspieler zur Verfügung – zu wenig für den Tempohandball, den die Kieler so perfekt beherrschen. „Stefan durfte nicht ausfallen“, weiß Staffan Olsson, der fast ein Jahrzehnt für den THW spielte. Laut Schwenker, der sonst nur so vor Optimismus sprüht, stehen die Chancen nur noch bei zehn Prozent. Nicht viel für einen Klub, der seit 1994 neun Meistertitel und vier Pokalsiege erreicht hat.

Die Optionen, die Kiel noch bleiben, sind übersichtlich. Die Linksaußen Dominik Klein und Hendrik Lundström müssen Lövgren beim Positionsangriff in der Mitte vertreten, vielleicht auch der – zuletzt formschwache – Linkshänder Kim Andersson. Laut Serdarusic ist die Schaltzentrale „nicht zu ersetzen“. Es sei nun „kaum noch etwas drin“. Aber Dominik Klein hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Das schaffen wir trotzdem. Ein angeschlagener Boxer ist schwer auszurechnen.“ So kann nur einer reden, der erst vor zehn Wochen das Unmögliche geschafft hat: den Gewinn des Weltmeistertitels.

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