Kiew-Spiel : Studien am lebenden Objekt

Bundestrainer Löw will im Testspiel in Kiew experimentieren.

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Exakt 211 Tage sind es noch bis zum Beginn der Fußball-Europameisterschaft; für Joachim Löw aber ist das Turnier noch immer ein ziemlich konturloses Wesen. Das wird sich in Kürze ändern, wenn im Dezember die EM-Gruppen ausgelost werden. „Dann bekommt die ganze Europameisterschaft ein Gesicht“, sagt der Bundestrainer. „Und dann steigt die Freude mit jedem Monat.“ Der bevorstehende Trip der deutschen Nationalmannschaft in die Ukraine dient einerseits dazu, die Freude noch ein bisschen anzuheizen, ist aber auch als eine Art Studienreise zu verstehen. Löw glaubt, dass es für seine Spieler ein gutes Gefühl sein werde, in Kiew zu sein – an jenem Ort, an dem am 1. Juli 2012 das EM-Finale ausgespielt wird.

Beim Duell mit dem EM-Gastgeber am Freitag (20.45 Uhr, live in der ARD) erwartet der Bundestrainer eine „unglaublich hitzige, heiße und motivierende Atmosphäre“. Dennoch will er das Spiel wie auch das folgende gegen Holland in Hamburg vor allem zu Studien am lebenden Objekt nutzen. Löw plant einige Experimente, taktisch und personell. Ein bisschen sind seine Pläne allerdings dadurch durchkreuzt worden, dass Miroslav Klose und Marco Reus ihre Reise nach Kiew aus gesundheitlichen Gründen stornieren mussten. Beide waren sogar für die Startformation vorgesehen; bei beiden besteht die Hoffnung, dass sie für das Spiel gegen Holland am Dienstag wieder zur Verfügung stehen.

Auf Philipp Lahm und Manuel Neuer hat der Bundestrainer für die Begegnung in Kiew freiwillig verzichtet, zudem fällt Bastian Schweinsteiger wegen eines Schlüsselbeinbruchs aus. Löw muss also im Grunde auf eine komplette zentrale Achse vom Torhüter bis zum Mittelstürmer verzichten. Es ist noch nicht lange her, dass in einem solchen Fall der nationale Notstand ausgerufen worden wäre. Aber Löw ist „keiner, der deswegen jammert: Wir haben genug Möglichkeiten im zentralen Bereich, auch genug Klasse“.

Die Tendenz geht dahin, in Kiew Mesut Özil und Mario Götze zum ersten Mal gemeinsam in der Startelf aufzubieten. Festgelegt hat sich der Bundestrainer bereits darauf, dass im Tor Ron-Robert Zieler sein Debüt geben wird. Ob der Torhüter von Hannover 96 die erste Halbzeit spielen wird, die zweite oder sogar beide, ist allerdings noch offen.

Löw ist von der Notwendigkeit solcher Experimente überzeugt. „Wir können uns das auch leisten“, sagt er. „Unsere Mannschaft ist eingespielt. Die Philosophie sitzt immer besser.“ Das Risiko ist also überschaubar. Bei den Ukrainern sieht das ganz anders aus. „Der Trainer experimentiert extrem viel“, hat Löw festgestellt. Allein in den vergangenen vier, fünf Begegnungen habe sein Kollege Oleg Blochin fast 35 Spieler eingesetzt. Löw hat deshalb keine Ahnung, welche Mannschaft der Gegner am Freitag aufbieten wird. Es ist noch nicht lange her, da hätte ihm das ernste Sorgen bereitet.

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