Sport : Kiez statt Kult

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Michael Rosentritt zum Abstieg

des 1. FC Union

Der 1. FC Union ist ein etwas anderer Fußballverein. Und das ist auch gut so. Union hat kein Geld und keine Lobby und fühlt sich latent unterdrückt. Die Spieler ziehen sich in übereinander gestapelten Containern um, die Fankneipe heißt Abseitsfalle und der Regierende Bürgermeister ist beim Stadtrivalen Hertha BSC Mitglied. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Verein, der kultig sein will. Aber irgendetwas ist dem selbst ernannten Kultverein aus Köpenick jetzt dazwischengekommen. Der Absturz in die Regionalliga beispielsweise.

Was macht der Berliner, der Fußball sehen will, aber nicht zu Hertha gehen mag? Vor fünf Jahren noch war Tennis Borussia eine gute Alternative, der schicke Verein aus Charlottenburg. Da konnte man sich im Stadion sogar mit Krawatte und vollständiger Zahnleiste sehen lassen. Bis sie bei TeBe völlig überschnappten und schließlich so viel schief lief, dass der Verein die Lizenz verlor. Blieb dem geneigten Fußballfan nur noch der Gang nach Köpenick zum 1. FC Union, den Gegenentwurf zu TeBe. Union nahm deren Platz in der Zweiten Liga und damit in Berlin ein. Union stand im Pokalfinale und spielte im Uefa-Cup. Union hatte einen Boss aus dem Westen, der jedem, den er in seinem Stadtteil für Union gewinnen wollte, einzureden versuchte, dass Union Charme hat. Dieses Unterfangen ist ebenso wenig aufgegangen wie der von Tennis Borussia erst gar nicht unternommene Versuch, bei den Menschen im Ostteil anzukommen.

Tief empfundene Trauer über den Abstieg Unions hält sich – mal abgesehen von Köpenick – in der Stadt in Grenzen. Vielleicht ist das die große Lehre für den erfolglosen Berliner Fußball. Sowohl TeBe als auch der 1. FC Union sind nicht an den Gegebenheiten der ehemals geteilten Stadt gescheitert, sondern an ihren eigenen Grenzen. Die einen hielten sich für die Schärfsten, die anderen für die ewig Vergessenen, die vor lauter Kult im eigenen Kiez gefangen blieben. Schade.

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