Sport : Kinderspiele

Christoph von Marschall

Eine Kindheit in Armut im späteren Stahl- und Autoindustrierevier um Detroit. Aufwachsen in einem Zelt vor den Toren von Cleveland, weil der Vater in der Weltwirtschaftskrise den Job im Radioladen verloren hat. Sich nervend hinziehende Wintertage, der Geruch der Frühjahrserde, die unbändige Freude über die wiedergewonnene Freiheit, draußen zu spielen, die Angst vor dem eigenbrötlerischen alten Mann in seiner einsamen Hütte, die Pubertät und dann die Leidenschaft der zwei älteren Brüder für die gleiche Frau.

Joseph Coulson erzählt in seinem Debütroman „Abnehmender Mond“ die Geschichte einer amerikanischen Arbeiterfamilie über drei Generationen. Prägnant zeichnet er die Charaktere der drei Tollman-Jungs, die Wut über den als Versager empfundenen Vater, die liebevolle Bewunderung für die starke Mutter, die sich geduldig in ihr Schicksal fügt, der Schock über den Tod der kleinen Schwester, die in den Wasserbecken im Wald ertrinkt, einer der schaurig- anziehenden halb verbotenen Spielstätten im Wald.

Lange bleibt das spezifisch Amerikanische der Erzählung vage. Vieles hätten die Kinder einer deutschen Flüchtlingsfamilie nach dem Krieg in den Lagern am Rande schwäbischer Kleinstädte ähnlich erleben können. Das ä ndert sich im letzten Drittel, mit dem Vietnamkrieg und den Debatten, ob sich die jungen Männer dem Wehrdienst durch die Flucht nach Kanada entziehen sollen, mit Nixon und Watergate. Geschickt wechselt Coulson zwei Mal die Erzählerperspektive. Vielleicht noch keine ganz große Literatur, aber ein Buch, das man nie gelangweilt weglegt.


Dieses Buch bestellen Joseph Coulson: Abnehmender Mond. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. Verlag C.H. Beck. 416 Seiten, 22,90 €.

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