Sport : Klage gegen Hertha

Hat der Klub einen Mitgliederbeschluss ignoriert?

Michael Rosentritt

Berlin - Sabine Schwarzer aus Beetzsee ist ein Glückspilz. Die Brandenburgerin ist das 14 000. Mitglied von Hertha BSC. Und weil das eine stolze Zahl ist, wird der Präsident des Berliner Fußball-Bundesligisten, Bernd Schiphorst, sie beim nächsten Heimspiel persönlich begrüßen und ihr ein Trikot mit der Nummer 14 000 überreichen. Willkommen im Klub.

Frau Schwarzer aus Beetzsee wird für ihren Schritt sicher ganz persönliche Gründe gehabt haben. Allerdings gibt es auch Mitglieder, die sich von Hertha nicht ernst genommen fühlen. Wie rühmte sich der Klub noch im Spätherbst des vergangenen Jahres, der Verein sei so transparent wie kein zweiter. Tatsächlich hatte die Mitgliederversammlung sich in einer hitzigen Debatte ein Mehr an Transparenz erstritten. Die Mitglieder wollten wegen der prekären finanziellen Situation des Vereins nicht mehr allein auf die Interpretation der Zahlen durch die Vereinsführung angewiesen sein. Auf der Mitgliederversammlung am 28. November 2005 hatten das Präsidium von Hertha BSC e. V. und die Geschäftsführung der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (kurz Hertha BSC KG aA) zugesichert, dass interessierte Mitglieder auch den kompletten Jahresabschluss der Hertha KG aA einsehen können. Einige Vereinsmitglieder behaupten, dass der Verein dagegen verstoßen hat. Schließlich hat ein Hertha-Mitglied (Name der Redaktion bekannt) den Verein beim Amtsgericht Charlottenburg wegen Nichteinhaltung eines Mitgliederbeschlusses verklagt.

Im Herbst 2005 wurde tagelang über Herthas angespannte Finanzsituation diskutiert. Auslöser war ein Fernsehinterview mit Rupert Scholz. Scholz war damals Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins und taxierte die Schulden des Vereins lässig auf „zwischen 10 bis 20 Millionen Euro“. Dabei hatte Ingo Schiller, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer der Hertha BSC KG aA, eingeräumt, dass Hertha BSC satte 35 Millionen Schulden hat. Ein halbes Jahr später, im Mai 2006 und damit wenige Tage vor der bisher letzten Mitgliederversammlung, zog Hertha Rupert Scholz aus der Schusslinie. Den Vorsitz des Aufsichtsrates übernahm der bisherige Stellvertreter Werner Gegenbauer.

Es ärgert einen Teil der Mitglieder, dass Hertha den Beschluss der Mitgliederversammlung nur außerhalb der gesetzlichen Fristen umgesetzt hat. Es geht um den Jahresabschluss des Geschäftsjahres 1. Juli 2004 bis 30. Juni 2005. Zu erstellen haben einen solchen Jahresbericht die Geschäftsführer der Hertha BSC KG aA. Das sind Manager Dieter Hoeneß und Ingo Schiller. Bereits im September 2005 war der Bericht erstellt und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Tober & Co vorgelegt worden. Geprüft und testiert wurde er allerdings erst im März 2006. Kritische Mitglieder vermuten, dass Tober & Co deshalb so lange brauchten, weil sie Probleme hatten, den Bericht anstandslos zu testieren. Bevor ein testierter Jahresbericht anschließend beim Handelsregister hinterlegt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, muss er vom zuständigen Vereinsgremium festgestellt, also verabschiedet und freigegeben, werden. Das tat Herthas Gesellschafterversammlung erst am 7. Juli 2006. „Zwei Wochen später war der Bericht auf der Geschäftsstelle des Vereins einsehbar“, sagt Ingo Schiller. Herthas für Finanzen zuständiger Geschäftsführer sieht deshalb den Mitgliederbeschluss aus dem November 2005 umgesetzt.

Das klagende Hertha-Mitglied widerspricht dieser Interpretation. Die Feststellung eines Jahresabschlusses einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KG aA) hat innerhalb von acht Monaten zu erfolgen. Demnach hätte die Feststellung des Berichtes 2004/05 bis Ende Februar 2006 erfolgen müssen. „Und zwei Wochen später, also Mitte März, hätte ein jedes Mitglied Einsicht in den Bericht bekommen müssen“, sagt der Kläger: „Was nützt uns Mitgliedern eine Umsetzung von Mitgliederbeschlüssen außerhalb der gesetzlichen Fristen?“

Warum liegt zwischen Erstellung des Jahresberichtes und deren Feststellung ein derart langer Zeitraum? Waren die Zahlen so schlecht? Verharmloste oder verschleierte die Geschäftsführung die Situation? Über die Gründe dafür wird spekuliert. Es wird vermutet, dass in Herthas Führung kein großes Interesse bestand, den Bericht früher und daher fristgerecht beim Handelsregister zu hinterlegen. Das Gesetz sieht dafür eine Frist von zwölf Monaten vor. Stichtag für die Hinterlegung wäre der 30. Juni 2006 gewesen. Erst am 28. August 2006, zwei Monate nach Fälligkeit, wurde der Jahresbericht beim Handelsregister des Amtsgerichts Charlottenburg hinterlegt. Für gewöhnlich waren Herthas Jahresberichte jeweils zu Beginn des folgenden Kalenderjahres beim Handelsregister einsehbar. „Der Jahresabschluss 2004/05 war komplexer als in den Vorjahren“, sagt Schiller knapp und glaubt, so die erhebliche Verzögerung erklären zu können. Allerdings gibt er zu: „Das war nicht optimal. Aber die Fristüberschreitung ist eine Formalie.“

Herthas Jahresbericht 2004/05 ist aber nicht nur außerhalb der gesetzlichen Frist, sondern auch nur in Kurzform hinterlegt worden. Die Möglichkeit einer solchen Verknappung räumt der Gesetzgeber für mittelgroße Unternehmen zwar ein, aber so fehlt beispielsweise die Einschätzung der testierenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, obwohl sie Hertha vorlag. Fakt ist, dass die Hertha BSC KG aA ihrer Publizitätspflicht nicht im vorgeschriebenen Zeitraum nachgekommen ist und eine Gesetzesübertretung riskiert hat. In aller Regel wird das mit einem Strafgeld belegt. Inwiefern Hertha sich wegen Nichteinhaltung von Mitgliederbeschlüssen schuldig gemacht hat, wird das Gericht zu klären haben.

Bedenklicher aus Sicht einiger kritischer Vereinsmitglieder ist ein anderer Punkt. Aus dem erst sehr spät veröffentlichten Jahresbericht 2004/05 geht hervor, dass sich der Schuldenstand zum Stichtag 30. Juni 2005 nicht auf 35 Millionen Euro beschränkte, wie immer behauptet, sondern auf 49 107 084,07 Euro. Erst im Mai dieses Jahres, also kurz vor der Mitgliederversammlung, bestätigte Hertha einen Schuldenstand von knapp 50 Millionen Euro.

So gewährte beispielsweise das Finanzamt dem Verein einen Vollstreckungsaufschub über rund sieben Millionen Euro. Solche Umsatzsteuer- und Lohnkostenschulden sind nicht nur moralisch ein Problem, sondern dafür könnten die beiden Geschäftsführer auch persönlich in Haftung genommen werden. Aber gerade in diesem Bereich ist es Hertha mittlerweile gelungen, einen guten Teil der Schulden zurückzuführen.

Neumitglied Sabine Schwarzer kann sich schon jetzt auf ein munteres Vereinsleben freuen.

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