Sport : Klarer Kopf macht schnelle Beine

Bei der Bahnrad-WM soll ein Psychologe den Deutschen um René Wolff helfen

Hartmut Moheit

Berlin - Das besondere Kennzeichen des Radsprinters René Wolff war lange Zeit ein kleiner Zickenbart. Bei den Bahn-Weltmeisterschaften, die heute in Los Angeles beginnen, wird der Erfurter – wie schon den ganzen Winter über – ohne diesen Gesichtsschmuck starten. Nicht trennen konnte sich Wolff dagegen von zwei Tätowierungen. Auf dem linken Unterarm hat sich der Student der Literatur und Philosophie den Anfang eines Gedichts von Rainer-Maria Rilke in japanischen Schriftzeichen verewigen lassen: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“ Damit noch nicht genug, denn auf der linken Wade ist ebenfalls auf Japanisch zu lesen: „Ich bin schneller als du.“ Es könnte schnell der Eindruck entstehen, dass Wolff im 17 Fahrer zählenden deutschen Team zugleich die Rolle des Psychologen übernommen hat.

Diese Funktion wurde jedoch vom Bund Deutscher Radfahrer dem Heppenheimer Klaus Egert übertragen. Bisher arbeitete der Hesse erfolgreich mit dem Schweriner Olympiasieger Stefan Nimke zusammen. In Los Angeles sollen erstmals vor allem die Sprinter vom Psychologen, Psychotherapeuten und Sportwissenschaftler profitieren. Möglichst schon heute, wenn die Entscheidung im Teamsprint fällt. In dieser Disziplin holten Jens Fiedler, René Wolff und Stefan Nimke in Athen Olympiagold. Deshalb stehen sie in den USA zum Auftakt unter besonderem Erfolgsdruck. Fiedler, der dreimalige Olympiasieger, ist nach seinem Rücktritt nur noch als Berater dabei, seine Position des Anfahrers wurde vom Erfurter Matthias John übernommen.

Auf den Psychologen, der vom BDR insbesondere für die letzte Phase vor den Welttitelkämpfen engagiert wurde, kam viel Arbeit zu. Seine Anwendungsthemen beschreibt er stichpunktartig so: Mentales Training, Teamentwicklung, Motivation, Konzentration und Leistung, Coaching, Konfliktbewältigung, Psychoregulation. Bei der Bahnrad-WM, die am kommenden Sonntag mit dem Finale im Einzelsprint enden wird, müssen die Sportler viel Neues bewältigen. Schon der Termin im März ist ungewohnt. Obwohl sich fast alle großen Radsport-Nationen 2002 dagegen ausgesprochen hatten, den bisherigen Herbsttermin beibehalten wollten, hatten sich die UCI und ihr Präsident Hein Verbruggen mit März durchgesetzt.

Betrifft die Terminänderung in Los Angeles noch alle WM-Teilnehmer, so kommt bei den Deutschen eine keinesfalls optimale WM-Vorbereitung hinzu. Eine kurzfristige Absage aus San Diego, wo sich die Fahrer auf die 250-m-Holzpiste von L.A. in Kalifornien einstimmen wollten, zwang sie zu einem Wechsel in ein Trainingslager aufs kalte Mallorca. Hinzu kamen Infekte, und im Falle von Stefan Nimke ein Fahrer, der sich nach Olympia schon mental vom 1000-m-Zeitfahren verabschiedet hatte. Bundestrainer Detlef Uibel hat Nimke noch einmal umgestimmt. „Ich befürchte nur, dass nach dem Teamsprint und den 1000 Metern die Luft bei mir raus ist“, sagt der Schweriner. Dass es nicht so kommt, dafür muss der Psychologe sorgen. Spezielle Tätowierungen will Nimke nicht.

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