Sport : Klassenkampf angenommen

In Nürnberg sind sie sich der ernsten Lage bewusst – nur wie rauskommen?

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Vergeblicher Kampf. Nürnbergs Polter (v.) und der Freiburger Mujdza. Foto: dpa
Vergeblicher Kampf. Nürnbergs Polter (v.) und der Freiburger Mujdza. Foto: dpaFoto: dpa

Freiburg - Serienopfer leiden und jammern und schimpfen. So wie Trainer, Spieler und Fans des 1. FC Nürnberg am Samstag in Freiburg, wo die Franken beim 0:3 gegen den Sportclub die vierte bittere Niederlage nacheinander verkraften mussten. Und das nach einem Saisonstart mit Auswärtssiegen in Hamburg und Mönchengladbach und einem Remis daheim gegen Meister Dortmund. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Stimmung, die sich in Nürnberg nach einem kurzen, heißen Sommerhoch in ein herbstliches Tief verwandelt hat. Trainer Dieter Hecking, von Amts wegen der erste Aufbauhelfer und Chefkritiker seiner Mannschaft, traf in Freiburg eine ernüchternde Feststellung: „Wir haben im Moment nicht mehr die Mittel, die Lockerheit und Leichtigkeit im Spiel. Leider hat die Mannschaft alles verloren, was sie in den ersten drei Spielen ausgezeichnet hat.“

Das bestätigten Heckings Spieler ungern, aber wahrheitsgemäß. So gab Mittelfeldspieler Mike Frantz umstandslos zu, dass „uns das Selbstbewusstsein extrem abhanden gekommen ist. Wir haben im Moment die Karre komplett an die Wand gefahren und müssen im nächsten Heimspiel gegen Augsburg ein anderes Gesicht zeigen.“ Möglichst das aus den späten August- und frühen Septembertagen, als selbst im notorisch pessimistischen Umfeld des Klubs Träume von einer neuen Hochzeit beim neunmaligen deutschen Meister keimten. Das böse Erwachen kam spätestens in Freiburg, wo sich die Nürnberger, obwohl gegen den Sportclub seit sieben Jahren erfolglos, die Wende zurück zum Erfolg erhofft hatten. Sie blieb aus, weil der 1. FC Nürnberg die Grundsätze des Fußballs vergessen hatte und damit ob fehlender Lauf-und Kampfbereitschaft chancenlos war. Hanno Balitsch, einer der erfahreneren Spieler in Heckings Kader, maulte, als er gefragt wurde, warum die Nürnberger so selten zu ihrem Umschaltspiel gekommen seien. „Umschaltspiel? Dazu kamen wir gar nicht, weil wir keinen Ball gewonnen haben. Wir haben ganz nett gespielt und gespielt, konnten aber nie gefährlich werden. Die Freiburger dagegen waren gut organisiert und halfen sich gegenseitig.“

Bei den Nürnbergern dagegen konnte man den Eindruck haben, dass jeder nur für sich selber da war. „Wir müssen miteinander reden“, forderte der altgediente Argentinier Javier Pinola fürs erste vergebens, während Innenverteidiger Timm Klose laut sein Leid klagte. „Wir predigen hier immer etwas von Leidenschaft und sobald es heißt, wir sollen Fußball spielen, fallen wir auseinander. So macht das keinen Spaß. Du gibst alles in der Verteidigung, und dann bist du der Arsch.“

Kloses Notruf half den Nürnbergern, die das Spielen mit vereinten Kräften für den Augenblick verlernt haben, am Samstag nicht weiter. Nun kann der Verein nicht einmal in geschlossener Kaderstärke an der Aufarbeitung der Herbstkrise arbeiten. Bis zum 17. Oktober ist Länderspielzeit, und damit läuft der Bundesliga-Trainingsbetrieb auf Sparflamme. Hecking muss mit gerade mal sieben Profis an der innerbetrieblichen Stabilisierung arbeiten. Denen, die nun zu ihren Nationalmannschaften reisen, rief er bissig nach: „Unsere Nationalspieler können froh sein, dass sie jetzt weg sind. Mit dem einen oder anderen werde ich Tacheles reden.“ Wohl auch mit Robert Mak. Der Slowake, ausgewechselt zur Halbzeit, soll nach Spielschluss in seiner Landessprache wütend getwittert haben: „Verdammter Trainer!“ Dafür entschuldigte er sich wenig später. Aber manchmal ist Schweigen besser als Reden.

Findet auch Hecking, der klare Worte noch nie gescheut hat. Der Westfale sagte am Samstag: „Reden können wir alle. Wir brauchen aber keine Alibiausreden. Vielleicht brauchen wir eher ein Reizklima. Ich bin nicht dazu da, alles schönzureden.“ Da braucht sich bei ihm niemand Sorgen zu machen. „Vielleicht“, artikulierte er seine Hoffnung auf kurzfristige Besserung des Betriebsklimas, „brauchen wir ja diesen Druck, um wieder zusammenzurücken“. Nur so kann der Verein seinen Klassenkampf bestehen.

Um viel mehr gehe es auch in diesem Jahr nicht, hat Hecking am Samstag allen, die kurz geträumt haben mögen, vor Augen gehalten. Im Moment geht es für die an den Rand der Abstiegszone zurückgeworfenen Franken darum, hellwach zu sein. Das Duell in Freiburg verschliefen sie. Zumindest versuchte danach niemand, sich mit müden Entschuldigungen rauszureden. Schon mal ein kleiner Fortschritt auf dem Weg zurück zum Nürnberger Fußball-Realismus. Roland Zorn

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