Sport : Klassenkampf in Berlin

Hertha BSC braucht erst einmal drei Punkte gegen den HSV – und danach noch einiges mehr

Michael Rosentritt

Berlin. Als Dieter Hoeneß zu Beginn des Jahres mit ein paar hundert geladenen Gästen seinen 50. Geburtstag feierte, wurde es für ein paar Minuten ganz hell über Berlin. Auf dem Schlossplatz gab es ein großes, mitternächtliches Feuerwerk. Im Mittelpunkt stand zwar der Manager von Hertha BSC, doch ein wenig Licht fiel auch auf seinen Verein. Von der dritten Kraft im deutschen Fußball war da die Rede, vom schlafenden Riesen, den der Jubilar irgendwann Mitte der Neunzigerjahre wachgeküsst hatte. Neun Monate sind seitdem vergangen. Das Spektakel ist erst einmal vorbei, der Spuk ist da.

Hertha BSC hinkt den eigenen Ansprüchen und Zielen fast schon bemitleidenswert hinterher. Der Berliner Bundesligist ist der Zweiten Liga bedrohlich nahe gekommen. So nah, dass Manager Dieter Hoeneß mit dem Äußersten droht – dem Rausschmiss eines oder gleich mehrerer Spieler. Das Einzige, was den Manager noch davon abhält, ist ein Anlass, wie er sagt. Zu dem könnte es heute kommen. Hertha BSC empfängt um 17.30 Uhr im Olympiastadion den Hamburger SV. Eine Niederlage gegen den Vorletzten aus Hamburg wäre so ein Anlass. „Ich werde genau hinschauen“, sagt Dieter Hoeneß.

Eigentlich handelt es sich um ein ganz normales Bundesligaspiel, doch so ganz normal ist es eben nicht. Es ist vielmehr ein Spiel mit Finalcharakter. Sollte Hertha verlieren, hat das Auswirkungen aufs Personal. Die Ankündigung des Managers steht, und er machte zuletzt nicht den Eindruck, als würde er vor der Umsetzung zurückschrecken. „Das lasse ich mir nicht mehr bieten“, hatte Hoeneß nach dem 0:0 am vergangenen Mittwoch im Uefa-Cup gegen die Polen aus Groclin gesagt. Noch nie in den vergangenen sieben Jahren fühlte sich Hoeneß von den Leistungen der Spieler derart persönlich beleidigt. Das Einzige, was den Manager für den Moment halbwegs milde stimmen könnte, wäre ein Befreiungsschlag gegen den HSV.

Doch was ist, wenn Hertha tatsächlich gegen den Hamburger SV siegen sollte? Hertha hätte noch gar nichts gewonnen. Die Mannschaft würde allenfalls vollständig bleiben. Für eine Woche, bis zum nächsten Spiel. In einer Woche müssen die Berliner zum FC Bayern München, danach kommt Bayer Leverkusen. Spätestens dann, nach dem neunten Bundesligaspieltag, wird sich zeigen, wohin die Reise mit den Berlinern geht. Momentan krebst Hertha irgendwo im Souterrain der Liga um her. Über die eigene Zielvorgabe spricht niemand mehr. „Es ist nicht der Zeitpunkt, sich damit zu beschäftigen“, sagt Hoeneß. In Berlin herrscht Klassenkampf. „Ich verlange einen Heimsieg“, hat Hoeneß gefordert, „nur dann wird es etwas ruhiger, und wir können die Defizite aufarbeiten.“

Interessant dürfte werden, wie sich das Berliner Publikum verhält. Wird es den Trainer auspfeifen, der seine Mannschaft in aller Öffentlichkeit gemaßregelt hat? Besonders beliebt ist der Niederländer nicht. Es könnte aber auch sein, dass sich der Trainer mit seiner unpopulären Maßnahme eine gewisse Achtung beim Publikum erarbeitet hat. Das leidenschaftslose Auftreten der Spieler hatte die Fans sehr ungehalten gestimmt. Am Mittwoch, nach dem 0:0 gegen Grodzisk, wurden die Profis beim Weg in die Kabine gnadenlos ausgepfiffen.

Zuletzt hatte Trainer Huub Stevens aufbieten können, wen er wollte (bisher 23 von 27 Spielern), genutzt hat es nichts. Keine seiner Formationen hatte Form. „Entscheidend ist, dass wir eine Hertha sehen, die brennt“, hatte Manager Hoeneß vor dem Spiel gesagt.

Während Manager und Trainer bis vor kurzem die Mannschaft nach außen hin stets in Schutz genommen hatten, krachte es unter der Woche gewaltig. Die Spieler sind gewarnt. Sie haben es in der Hand, ob es zum großen Knall kommt.

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