Klaus Augenthaler : "Wer ist der Mops? Der Trainer!"

Wolfsburgs Trainer Klaus Augenthaler spricht mit dem Tagesspiegel über die Chancen im DFB-Pokal, Fußball-Diva Marcelinho und wie sich der Charakter der Spieler verändert hat.

Herr Augenthaler, Sie haben als Spieler große Erfolge gefeiert. Was erzählen Sie Ihrer Mannschaft, worauf sie sich bei einem Pokal-Halbfinale einstellen muss?



Gar nichts.

Gar nichts?

Ich erzähle nie von früher. Oder nur ganz, ganz selten. Ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht mehr, gegen wen ich alles im Halbfinale gespielt habe. Wenn die Jungs sich für Fußball interessieren, werden sie sich schon mal ein Pokalfinale angeschaut haben. Dann haben sie auch ein Gespür dafür, was das bedeutet. Wie werden Sie Ihre Mannschaft auf das Spiel gegen Stuttgart einstimmen?

Den Spielern muss klar sein, dass es eine einmalige Gelegenheit ist. Keiner weiß, ob wir noch mal ins Halbfinale kommen.

Hat es Sie als Spieler genervt, wenn Ihre Trainer von alten Zeiten erzählt haben?

Ich habe es einmal erlebt. Jupp Heynckes hat als Trainer bei den Bayern immer von Uwe Rahn gesprochen, der unter ihm in Mönchengladbach Fußballer des Jahres geworden ist: Uwe hat dies gemacht, Uwe hat jenes gemacht. Ich weiß doch, was die Jungs gedacht haben: Dann soll er den Uwe Rahn eben holen. Nein, das mach ich nicht. Höchstens unter vier Augen mal.

Zum Beispiel?

Mike Hanke ist jetzt zu mir gekommen, um über seine Situation zu sprechen. Da kannst du deine eigenen Beispiele mal hernehmen. Ich habe ja alles durchlaufen: als junger Spieler, Stammspieler, Nationalspieler, Kapitän, verletzter Kapitän. Ich weiß, wie ein Spieler fühlt, wie er denkt.

Sie haben während Ihrer Zeit als Trainer in Nürnberg mal gesagt: Ich wäre gerne noch Spieler, das wäre leichter.

Das ist heute noch so. Was gibt es Schöneres, als Spieler zu sein? Wenn die Mannschaft verliert, wer ist denn dann der Mops? Der Trainer! Schön finde ich immer die Frage: Wie wollen Sie die Mannschaft jetzt neu motivieren? Da frage ich: Und wer motiviert mich?

Hat sich die Berufsauffassung der Fußballer geändert?

Auf jeden Fall ist das ganze Umfeld professioneller. Als ich zu den Bayern kam, hat mir niemand geholfen, eine Wohnung zu suchen, mich anzumelden, das Auto zuzulassen. Das ist heute gang und gäbe. Ich verstehe schon, dass ein ausländischer Spieler am Anfang eine gewisse Betreuung benötigt. Doch irgendwann muss mal Schluss sein. Wenn ich die Dinge des normalen Lebens nicht regeln kann, bin ich auch auf dem Platz nicht selbstständig.

Leiden Sie manchmal an Ihrer Mannschaft?

Ich leide immer. Ich möchte einmal 90 Minuten auf der Bank sitzen und von Anfang an wissen, dass die Mannschaft funktioniert. Aber du kannst alles trainieren, du kannst alles besprechen, noch kurz vor dem Anpfiff. Dann läuft das Spiel fünf Minuten, und du fragst dich: Was haben wir trainiert? Was haben wir besprochen? Deshalb leide ich.

Ist das der Grund, warum Sie nach Niederlagen so sarkastisch sind?

Man kann es doch sowieso nie richtig machen. Spricht man die Probleme offen an, heißt es: Der Trainer stellt sich nicht vor seine Spieler. Kritisiere ich sie nicht in der Öffentlichkeit, wirft man mir vor: Der redet alles schön. Ich bin wie jeder Mensch sehr harmoniesüchtig. Ich hätte nach einem Sieg auch Lust, mit den Fans zu feiern. Aber das mache ich nicht. Ich gehe nach jedem Spiel erst einmal in die Kabine, um durchzuschnaufen, mir zwei, drei Minuten Gedanken zu machen.

Sie gelten also zu Recht als distanziert?

Distanz ist am besten. Gerade im Erfolgsfall besteht immer die Gefahr, dass man zu nah an die Spieler heranrückt. Am liebsten würde man mit ihnen ein Bierchen trinken. Was aber nervt, ist, wenn es heißt: Ich spreche zu wenig mit den Spielern.

Wie viel reden Sie mit den Spielern?

Sehr viel. Jedenfalls biete ich ihnen an, dass sie immer zu mir kommen können, wenn sie Probleme haben. Das kriegt natürlich außen keiner mit. Und die Frage ist: Wird ein Spieler durch Reden besser? Ich trainiere mit den Spielern, ich mache Überstunden mit den Spielern. Davon werden sie besser. Aber im Grunde wird meine Arbeit ja gar nicht bewertet.

Wie meinen Sie das?

Du bist nur vom Ergebnis abhängig. Ich bin 24 Stunden für jeden Spieler da, er kann mich mitten in der Nacht anrufen. Ich springe auch als Babysitter ein. Verlieren wir aber am Wochenende 0:1, habe ich was falsch gemacht. Gehe ich aber mit den Spielern feiern, und wir gewinnen 1:0, hab ich alles richtig gemacht.

Nehmen die Spieler weniger an als früher?

Ich glaube schon. Früher hat der Trainer einen anderen Stellenwert gehabt. Wenn er etwas gesagt hat, haben wir die Hacken zusammengeschlagen. Heute sagen sich die Jungs: Was will der denn? Das hat auch etwas mit dem Geld zu tun.

Regelt sich alles übers Geld?

Nein, oder glauben Sie, es juckt einen Spieler, wenn er zwanzig Euro bezahlen muss, weil sein Handy im Bus klingelt? Wir haben uns etwas anderes überlegt. Bei uns mussten die Spieler zur Strafe ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen. Da haben die Spieler komisch geschaut. Da kommt nämlich auf einmal der rote Kopf, wenn du vor die Mannschaft treten musst.

Trotzdem: Würde es Ihre Arbeit erleichtern, wenn die Spieler wüssten, dass der Trainer am meisten verdient?

Das haben die Bayern einmal mit Otto Rehhagel probiert. Funktioniert auch nicht. Ich glaube, ein Trainer muss authentisch sein. Die Spieler wissen, dass ich einiges erlebt habe, dass ich nicht das Lehrbuch aufschlage, um nachzuschauen, was in einer bestimmten Situation zu tun ist.

Nimmt Ihnen diese Erfahrung die Scheu, mit schwierigen Typen zu arbeiten?

Mit elf Ministranten gewinne ich keine Meisterschaft, mit elf Maradonas aber auch nicht. Das Schwierige ist, eine Mannschaft richtig zusammenzustellen.

Bei Marcelinho hätte es auch schief gehen können.

Das ist das, was mich an Deutschland stört. Man sucht immer erst das Negative. Als wir Marcelinho verpflichtet haben, ging es nicht darum, wie gut er bei Hertha war, sondern nur, welche Eskapaden er sich geleistet hat. Aber Hertha war doch nicht wegen Marcelinhos Eskapaden so dominant. Und glauben Sie mir, so viel kann er nicht unterwegs gewesen sein: Er ist ein Muskelpaket, er ist austrainiert, und er hat sensationelle Laktatwerte.

Das Thema Marcelinho nervt Sie.

Überhaupt nicht. Für uns war er ein Glücksgriff. Ich kann das mit dem schwierigen Charakter aber nicht mehr hören. Vor seinem ersten Spiel bin ich schon gefragt worden: Haben Sie Angst, dass er zu spät aus dem Urlaub zurückkommt? Er bringt sich ein, deshalb akzeptiert die Mannschaft ihn. In meiner Zeit als Spieler gab es mal eine Phase, da waren wir nicht der FC Bayern, da waren wir der FC Breitnigge, weil es nur um Breitner und Rummenigge ging. Aber die beiden haben das nie raushängen lassen. Im Gegenteil: Die haben uns immer einbezogen.

Marcelinho hat, ohne dass das jetzt böse gemeint ist, ein kindliches Gemüt. Wie gehen Sie damit um?

Das gilt nicht nur für ihn. Jeder Fußballer, auch mit 35, ist ein Kind. Ich bin heute noch ein Kind, wenn ich auf dem Platz stehe und einen Ball sehe. Genau deshalb hatte ich nie einen Zweifel, dass es mit Marcelinho funktionieren wird: Er ist ein Fußballer, und zwar genau der, der uns gefehlt hat - einer mit Leib und Seele.

Trotzdem hätte man geglaubt, dass Sie Probleme mit ihm bekommen.

Warum denn? Das sind doch Vorurteile. Ich bin als Spieler auch kein Ministrant gewesen, habe gerne mal einen Schweinsbraten gegessen oder eine Zigarette geraucht. Ich wusste aber, wann ich mir das erlauben konnte. Im Training habe ich immer Gas gegeben - weil ich ein Verrückter war. Dass ich es geschafft habe, lag nicht an meinem Talent. Es war der reine Wille.

Welche Rolle spielt bei der Verpflichtung eines neuen Spielers sein Charakter?

Eine sehr große. Das Problem ist nur: Wie kann ich den Charakter herausfiltern? Giovanni Trapattoni hat als Trainer bei Juventus Turin die Spieler, an denen er interessiert war, nicht nur zwei- oder dreimal bei Spielen beobachten lassen. Er hat einen Unbekannten vier Wochen lang als Zaungast zum Training geschickt, um so viel wie möglich über ihn herauszubekommen: Will er das Trainingsspiel gewinnen? Wie sind seine Familienverhältnisse? Wie geht er mit seinen Freunden um? Vielleicht erfährt man so ein bisschen mehr, aber den wahren Charakter eines Menschen wirst du auch nach zwei Monaten nicht erkennen.

Gibt es Spieler, in denen Sie sich wiedererkennen?

Mike Hanke ist ein ähnlicher Typ wie ich. Der muss sich auch alles erarbeiten. Ich glaube, er weiß das auch. Er ist selbstkritisch und kann sich gut einschätzen. Ich hab zu ihm gesagt: Mike, wenn du schlecht gespielt hast und am Abend mit deinen Freunden essen gehst - hast du dann schon mal erlebt, dass jemand zu dir sagt: Was hast du heute für eine Scheiße gespielt? Nee! Wenn das Gespräch auf das Spiel kommt, fangen deine sogenannten Freunde an: Mensch, Mike, was hättest du denn machen sollen? Du hast da vorne ja gar keine Bälle bekommen.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Friedhard Teuffel. ()

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben