KLAUS WOWEREIT : Rot-Weiß Berlin „Jetzt wird’s schwer“

Absteiger Hertha BSC unterbietet beim 1:3 sogar noch Tasmania als schlechtestes Heimteam und vergisst, sich bei den Fans zu verabschieden Meister Bayern München feiert den Titel zünftig und lässt Erfolgstrainer Louis van Gaal nicht trockenen Fußes davonkommen

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Ein Spiel, zwei Schicksale. Während Bayerns Torschütze Ivica Olic mit Mark van Bommel ausgelassen feierte, erlebten Herthas Gojko Kacar und die Berliner Fans einen letzten traurigen Heimspiel-Samstag in der Bundesliga. Fotos: dpa
Ein Spiel, zwei Schicksale. Während Bayerns Torschütze Ivica Olic mit Mark van Bommel ausgelassen feierte, erlebten Herthas Gojko...Foto: dpa

Berlin - Ganz am Ende dieser vermaledeiten Saison hatten die Fußballprofis nichts für ihren Anhang übrig. Obwohl es am Langmut der Fans nicht gelegen hat, dass Hertha BSC die Bundesliga verlassen muss, die Spieler schafften es nach dem Abpfiff nicht mal in die Kurve. Die Spieler blieben am Rand des Fußballplatzes stehen und winkten mehr oder minder widerwillig in den Rang. Damit hat der Absteiger die Möglichkeit eines halbwegs anständigen Abgangs vor dem Heimpublikum vertan. „Mit diesen Dingen bin ich nicht beauftragt worden“, sagte Friedhelm Funkel hinterher. Herthas Trainer war direkt nach dem Abpfiff in die Kabine verschwunden.

Dieses vorerst letzte große Spiel in Berlin hatte von Beginn an etwas Bizarres an sich. Ein Teil der Zuschauer im Olympiastadion war lange vor dem Anpfiff am Feiern und tauchte das halbe Stadion in Rot und Weiß, der andere Teil war gekommen, um Hertha auf den Weg in die Zweite Liga zu begleiten. Und das in nicht so heiterer Grundstimmung. Während also die, die in den Münchner Farben gewandet waren, fröhliche Melodien anstimmten, rollten die Blau-Weißen in der Ostkurve Transparente aus. Auf denen stand geschrieben: „Für euch ist Hertha: absteigen und gehen!“ und „Für uns: für immer bleiben.“ Etwas später wurde das dritte Spruchband ausgerollt, auf dem stand: „Funkel raus.“

Das Spiel selbst war eindeutig. Nach schöner Vorarbeit Arjen Robbens erzielte Ivica Olic nach 20 Minuten die verdiente Führung der Bayern gegen harmlose Berliner, die kaum über die Mittellinie kamen. Lediglich ein Freistoß von Lewan Kobiaschwili zwang Nationaltorwart Jörg Butt zu einer Parade.

Hertha war kein ernsthafter Kontrahent für die Münchner, die an gleicher Stelle in einer Woche den DFB-Pokal gewinnen wollen, und die eine weitere Woche später in Madrid im Champions-League-Finale auf Inter Mailand treffen. Der Trainer der Mailänder, José Mourinho, saß im Olympiastadion auf der Tribüne.

Nach einer Stunde passierte dann etwas im Olympiastadion, was einen gewissen Seltenheitswert besitzt: Hertha schoss nach acht Wochen ein Heimtor. Adrian Ramos war es, der eine Vorlage von Cicero zum 1:1 verwertete. Doch auch davon ließen sich die zahlreich angereisten Bayern-Fans ihre Jubellaune nicht nehmen. Auch weil Arjen Robben einen Konter zum 2:1 abschloss und kurz vor Schluss einen Abpraller von der Berliner Latte zum 3:1-Endstand verwertete. Und so blieb das Olympiastadion bis zum Schlusspfiff zweigeteilt: Die Rot-Weißen sangen und schwenkten ihre Fahnen ohne Unterlass. Die Hertha-Fans blieben dagegen ungewohnt ruhig. Vermutlich nahm ein jeder von ihnen leise Abschied vom großen Fußball.

Wenn man den Berlinern unterstellen will, etwas Bleibendes geschaffen zu haben in der abgelaufenen Bundesligasaison, dann, dass ihnen in 17 Anläufen nur ein Heimsieg gelang. Das war am ersten Spieltag der Saison, was wiederum bedeutet, dass sie bei 16 weiteren Gelegenheiten in Serie erfolglos blieben. Damit haben sie einen neuen Rekord aufgestellt. Den alten hatte Tasmania Berlin im Besitz, die als bisher schlechteste Bundesligamannschaft aller Zeiten in der Saison 1965/66 ganze 15 Heimspiele in Serie nicht gewinnen konnte. Tasmania Berlin hatte seinerzeit am ersten und letzten Spieltag der Saison die Heimspiele gewonnen. Das blieb Hertha gestern versagt.

Und so sind die Berliner nach 13 Jahren Bundesliga, einer Champions-League- und sieben Uefa-Cup-Teilnahmen abgestiegen. Hertha wird im August eine Klasse tiefer anfangen. Vielleicht gibt es in einem Jahr dann mal wieder etwas für die Berliner zu feiern.

Guten Tag, Herr Wowereit, gehen Sie jetzt zum Trösten in die Hertha-Kabine? Die Mannschaft wird es nötig haben.

Nein, nein, lassen Sie mal, ich glaube, die Jungs wollen jetzt lieber allein sein. So ein Abstieg ist ja keine Sache, die man mit anderen feiern will.

Woran hat es denn gelegen?

Die Niederlage heute? An einem hervorragenden FC Bayern München. Wir haben einen würdigen Deutschen Meister gesehen, ich wünsche der Mannschaft alles Gute für das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand. Für diese Niederlage muss sich Hertha keine Vorwürfe machen.

Wofür denn sonst?

Das haben doch alle gesehen. Es lag an der gesamten Rückrunde, so wie sie gespielt wurde. Es hat nun mal nicht für mehr gereicht.

Was sagt uns das für die Zukunft?

Dass es jetzt ein schweres Jahr in der Zweiten Liga wird. Aber natürlich drücken wir alle die Daumen, dass sofort die Rückkehr in die Bundesliga gelingt. Ich werde jedenfalls öfter ins Stadion kommen. Das möchte ich auch als Zeichen verstanden wissen.

Können Sie sich das als Regierender Bürgermeister im Sinne des Ost-West-Proporzes leisten? Es gibt ja künftig nicht nur einen Berliner Klub in der Zweiten Liga.

Berlin ist eine große Stadt, die auch zwei große Fußballklubs verträgt. Selbstverständlich wünsche ich auch dem 1. FC Union alles Gute. Die Mannschaft hat sich als Aufsteiger hervorragend geschlagen.

Wo wird man Sie denn im nächsten Jahr häufiger sehen – in Charlottenburg oder in Köpenick?

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich bei Hertha Vereinsmitglied. Aber Sie können davon ausgehen, dass ich auch in der Alten Försterei zu Gast sein werde.

Das Gespräch führte Sven Goldmann

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