Sport : Kleine Helden mit großer Leidenschaft

Sie wurden Letzte, schossen Ehrentore, vertraten als Einzige ihr Land: Sechs Exoten der Winterspiele

Benedikt Voigt

KENIA

Phillip Boit

Der Skilangläufer Phillip Boit hat gewissen Ruhm erlangt. Die olympische Gemeinde kennt ihn seit den Winterspielen 1998 in Nagano, als er über 10 Kilometer Letzter wurde. Damals griffen seine Ski nicht richtig, weshalb der einzige Kenianer, der bisher an Winterspielen teilgenommen hat, den Rest der Strecke im Jogging-Stil bewältigte. Der Mitteldistanzläufer aus dem kenianischen Hochland begann 1996 mit Langlauf, ein Sponsor finanzierte ihm eine Trainingsreise nach Finnland. Er blieb in Europa, nahm an Leichtathletik- Rennen teil. Nach mehreren Treffen mit der norwegischen Langlauf-Legende Björn Dählie nannte er seinen Sohn mit Vornamen Dählie. Seine Leistungen haben sich seit 1998 verbessert. In Pragelato ließ er über 15 Kilometer gleich fünf Läufer hinter sich. An den größten Erfolg seines Bruders Mike Boit wird er aber nicht anknüpfen können. Der gewann 1972 bei Olympia Bronze über 800 Meter, musste aber keine Ski mitschleppen.

ITALIEN

Sabina Florian

Eishockey ist im Fußball- und Formel-1- Land Italien nicht sonderlich populär; Frauen-Eishockey noch viel weniger. Gerade einmal 400 Spielerinnen gibt es im ganzen Land. Trotzdem lächelte die italienische Eishockey-Nationalspielerin Sabina Florian in der vergangenen Woche von den Titelseiten sämtlicher Sportzeitungen. Da war zu sehen, wie sie ihren Schläger vor Freude in die Luft warf, umjubelt von ihren Teamkolleginnen. Historisches war der 23-Jährigen aus Bozen gelungen: Florian schoss bei der 1:5-Niederlage gegen Russland das erste Tor für Italiens Eishockey-Frauen bei Olympischen Spielen. 1:32 Tore lautete die Vorrundenbilanz insgesamt. „Ich hoffe, dazu beigetragen zu haben, dass die Menschen in Italien anfangen, sich für Eishockey zu interessieren.“ Ob ein Tor dazu reicht? Italiens Frauen beendeten das olympische Turnier auf dem letzten Platz. Ihr Abschlussspiel verloren sie 0:11 gegen die Schweiz.

VENEZUELA

Werner Höger

Früher wollte Werner Höger im Turnen an Olympia teilnehmen. Doch das venezuelanische Turnteam konnte sich nie qualifizieren. Es sollte noch etwas dauern, bis der Professor der Boise-Universität, der als 16-Jähriger in die USA gekommen ist, es als Rodler versuchte. Er hatte bei den Winterspielen 1998 in Nagano die Rodlerin Iginia Boccalandro aus Venezuela gesehen. Sie ermunterte ihn, und 2002 in Salt Lake City erfüllte sich Högers Traum. Er trat sogar mit seinem Sohn Chris an, der ebenfalls mit dem Rodeln begonnen hatte. In Turin aber ist der 52-jährige Mormone alleine erschienen, sein Sohn ist gerade als Missionar unterwegs, darf deshalb aus religiösen Gründen keinen Sport treiben. „Mein Ziel sind vier saubere Läufe“, sagte Höger der „NBC“. Das ist ihm gelungen. Er belegte Rang 32. Unter 36 Teilnehmern.

THAILAND

Prawat Nagvajara

Professor Prawat Nagvajara könnte sich die Ergebnisliste des 15-Kilometer-Langlaufs an seine Pinnwand in der Drexel-Universität in Pennsylvania hängen. Auf Platz 97 wird der Thailänder dort geführt, es ist der letzte Platz. Sogar Läufer aus den bisher noch nicht so bekannten Langlaufnationen Äthiopien, Eritrea oder Nepal haben den 48-Jährigen abgehängt, fast eine halbe Stunde nach dem Sieger überquerte er die Ziellinie. Doch der Professor für Computeringenieurswesen, der zum ersten Mal Schnee sah, als er mit 17 Jahren in die USA ging, hat ohnehin andere Ziele. Er hofft, dass irgendwann ein weiterer Thai seinem Beispiel folgen wird. „Wenn Thailand einmal mehr als nur einen Athleten bei den Winterspielen hat, wären wir ein Team“, sagt Prawat Nagvajara. Bis dahin muss der Professor alleine laufen.

GHANA

Kwame Nkrumah-Acheampong

Er wird Schneeleopard genannt. Dennoch hat Kwame Nkrumah-Acheampong die Olympia- Qualifikation knapp verpasst. Nun steht er an den Skipisten, macht Lobbyarbeit für Afrika. Je ein Läufer aus Madagaskar, Senegal und Südafrika nimmt an den alpinen Rennen teil. Weil die Qualifikation zu hart ist, glaubt der Ghanaer: „Der Welt- Skiverband muss es kleineren Nationen einfacher machen.“ In Ghana komme seine Werbung gut an. „Skifahren übertrumpft im Moment den Fußball“, glaubt er. Bei den Spielen 2010 in Vancouver will er wieder dabei sein – als Teilnehmer.

JUNGFRAUENINSELN

Anne Abernathy

Eine Rodlerin ist in Amerika noch berühmter als Georg Hackl. Anne Abernathy wohnt in den USA und tritt für die Jungfraueninseln an. Ihr Spitzname: Grandma Ludge. Sie ist 53 und hätte fast ihren sechsten Olympiastart erlebt. Wenn sie sich nicht am Tag vor dem Rennen das Handgelenk gebrochen hätte. Mit 27 Jahren hat sie das Rennrodeln im Skiurlaub entdeckt, sie sah dem US-Team im Training zu und versuchte es dann selbst. Seit Salt Lake City 2002 hält Abernathy den Rekord als älteste Teilnehmerin der Winterspiele.

Mitarbeit: Christiane Mitatselis

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